Das lateinamerikanische Kino hat sich in Wien als wichtiger Treffpunkt für Filmbegeisterte etabliert. Was, glaubst du, war der Schlüssel zu diesem Wachstum und dazu, das Publikum langfristig zu binden?
Das alles hat mit Rafael Donadio begonnen. Ich habe das Gefühl, dass ich sehr viel von seinem Vermächtnis lerne, von dem, was er bereits aufgebaut hat, und für mich ist es wichtig, dieses weiterzuführen. Gleichzeitig versuche ich, neue Generationen für das lateinamerikanische Kino zu begeistern und Generationen miteinander zu verbinden. Die erste Generation von Lateinamerikaner*innen, die nach Wien gekommen ist, hat heute zum Beispiel Kinder, die – keine Ahnung – halb uruguayisch, halb ungarisch, halb wienerisch sind und sich ebenfalls mit diesem Raum identifizieren. Ebenso Menschen, die so etwas empfinden wie: „Ich bin in Wien, das ist mein Zuhause, aber gleichzeitig trage ich Lateinamerika in meinem Herzen.“ Die Idee ist, beide Welten zu verbinden, und ich habe das Gefühl, genau dieses Publikum anzusprechen: sie ins Kino einzuladen und die lateinamerikanische Kultur zu zeigen, die ein Teil dieser Menschen ist, die ihre Identität gewissermaßen zwischen Lateinamerika und Österreich leben.
Das Festival zeigt mehr als 25 Filme aus unterschiedlichen Ländern und vereint sowohl etablierte als auch neue Filmschaffende. Wie läuft der Auswahlprozess ab und nach welchen Kriterien stellst du dieses Gleichgewicht her?
Wir arbeiten sehr eng mit dem Kino Salzburg zusammen, und dort werden ebenfalls viele Filme gezeigt – sie veranstalten jedes Jahr ein fast vierwöchiges Festival. Oft sagen sie uns dann: „Hey, wir haben diese Filme entdeckt.“ Oder wenn ich zum Beispiel selbst einen Film auf einem Festival sehe, denke ich mir: Den würde ich wahnsinnig gern nach Wien bringen.
Eine weitere Möglichkeit ist, dass jemand vom Filmcasino sagt: „Wir haben auf der Berlinale einen Film gesehen, der sehr interessant für das lateinamerikanische Festival sein könnte.“ So stellen wir immer eine Mischung zusammen: künstlerische Filme, die einem das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sehen, das man nicht jeden Tag erlebt, und gleichzeitig Filme, die für ein breites Publikum zugänglich sind.
Uns ist es wichtig, neuere Filme zu präsentieren, die zum Nachdenken anregen oder überraschen und zugleich unterhalten – deshalb ist die Auswahl bewusst vielfältig. Hinter dem Festival steht ein engagiertes Team, und ich würde mir sogar wünschen, dass wir noch größer wären, weil unterschiedliche Perspektiven und Stimmen einfach unverzichtbar sind. Nadine Oucherif vom Filmcasino ist dabei federführend für Programm und Organisation verantwortlich.
Viele der Filme greifen relevante soziale und politische Themen auf. Welche Rolle spielt das lateinamerikanische Kino deiner Meinung nach generell für Reflexion und Dialog in Europa?
Ein zentrales Thema unserer Zeit ist der Klimawandel. Mit dem Film „Yanuni“ etwa rücken wir den Schutz des Amazonas in den Fokus und machen sichtbar, was aktuell vor allem im brasilianischen Teil des Regenwalds geschieht. Das Interesse daran ist groß – sogar Alexander Van der Bellen wird zur Eröffnung erwartet. Das zeigt, dass Kino ganz unterschiedliche Menschen erreicht. Gerade deshalb ist es so wichtig, neue Filmschaffende sichtbar zu machen und Geschichten wie diese zu erzählen: den sozialen Kampf der Protagonistin, die dabei sogar ihr Leben riskiert. Indem wir den Film international zeigen, senden wir auch ein Signal der Anerkennung – ihre Arbeit ist von globaler Bedeutung. Für uns ist sie eine Verteidigerin des Amazonas. Ich glaube, genau darin liegt eine der stärksten Wirkungen des Kinos: mutige Frauen hervorzuheben, die an vorderster Front stehen.
Das Festival zeigt nicht nur Filme, sondern schafft auch Gemeinschaft in Wien rund um die lateinamerikanische Kultur. Wie würdest du den kulturellen Einfluss des lateinamerikanischen Kinos in der Stadt beschreiben?
Der Einfluss ist enorm – die lateinamerikanische Community hat eine beeindruckende Präsenz. Man denke nur an die Ausstellung Viena Latina im Wien Museum, deren Eröffnung völlig überfüllt war – ein starkes Zeichen.
Ich erlebe diese Community als unglaublich kraftvoll, vielfältig und lebendig. Durch das Kino wird genau das sichtbar: Diversität, Nähe und kulturelle Verbundenheit. Gleichzeitig wird deutlich, dass viele Lateinamerikaner*innen hier leben und längst Teil der Geschichte Österreichs und Wiens sind. Genau das hat mich an „Viena Latina“ so beeindruckt – diese Sichtbarkeit und Wertschätzung. Ich hoffe, dass auch das Filmfestival ein weiterer Ort sein kann, der zeigt: Wir gehören zu dieser Stadt. Es geht darum, Stimmen hörbar zu machen und die Vielfalt der Menschen aus Lateinamerika in Wien zu zeigen.
Die ersten größeren Gruppen kamen etwa aus Chile, später folgten Menschen aus anderen Ländern Süd- und Mittelamerikas. So sind über die Jahre Gemeinschaften unterschiedlicher Größe entstanden – und doch verbindet uns derselbe Kontinent. Mit dem Festival wollen wir diese Kultur in die Stadt tragen: dass man ins Kino geht, vielleicht vertraute Speisen entdeckt, bekannte Düfte wahrnimmt oder vertraute Akzente hört – und sich für einen Moment wie zu Hause fühlt oder zumindest auf eine besondere Weise verbunden.
Nach mehreren erfolgreichen Ausgaben und tausenden Zuschauerinnen – was sind die wichtigsten Herausforderungen und Ziele für die Zukunft des Festivals?
Es gibt noch so vieles, was wir ausprobieren und umsetzen möchten. Ich arbeite eng mit dem Filmcasino und mit Nadine Oucherif zusammen, und dieses Mal haben wir uns gefragt: Warum zeigen wir nicht erstmals Kurzfilme?
Die Idee ist auch, Räume für Filmschaffende zu schaffen – vielleicht Lateinamerikanerinnen, die hier leben und ihre Werke präsentieren möchten, gemeinsam mit ihrem Team und der Community. Ich würde außerdem sehr gerne mehr Masterclasses organisieren und generell mehr Kurzfilme zeigen – den Begegnungsraum einfach erweitern. Das wäre ein großer Traum: als Festival weiter zu wachsen.
Dieses Jahr zeigen wir zum ersten Mal Kurzfilme, und zwar am Freitag, den 17.4., um 14:30 Uhr im Filmhaus Kino am Spittelberg. Gleichzeitig bespielen wir beide Säle des Filmcasino und erstmals auch das Gartenbaukino – das ist ein großer Schritt für uns als Team. Dort wird auch die Festivaleröffnung stattfinden, gemeinsam mit Maracatu Nossa Luz sowie der Afterparty mit Djane Stone. Zum ersten Mal arbeiten wir also mit drei verschiedenen Kinos zusammen. Es erfüllt mich mit Freude, dieses Wachstum zu sehen, und ich bin sehr dankbar für die Zusammenarbeit mit dem Filmcasino, das seit Beginn des Festivals – gemeinsam mit Rafael Donadio – dabei ist.
Außerdem möchte ich den Leser:innen des Magazins CulturaLatina ein paar Filme besonders empfehlen:
Ein Film ist „Flor Pucarina“, eine peruanische Produktion und unsere Europapremiere – für uns eine große Ehre. Vor der Vorführung wird Valentina Ritter Choquehuanca singen, begleitet von der Gitarristin Sonia Hernández – beide aus Peru. Das wird ein sehr schöner und besonderer Abend, vor allem für die peruanische Community.
Ein weiterer Tipp ist „La Hija Cóndor“, ein ganz besonderer bolivianischer Film. Es kommt nicht oft vor, dass wir bolivianisches Kino zeigen können – umso einzigartiger ist es, dass wir dieses Mal gleich zwei Filme aus Bolivien präsentieren. Mich persönlich berühren Filme aus den Anden immer sehr.
Wer etwas Politischeres, Intensiveres und Feministisches sehen möchte, dem empfehle ich „Belén“ von Dolores Fonzi. Der Film zeigt die Anfänge eines der ersten Impulse der „grünen Welle“ in Lateinamerika, also auch im Kontext von #MeToo. Es ist eine fiktionale Geschichte, basiert aber auf einem realen Fall: Eine Frau wird inhaftiert, nachdem sie ungewollt ihr Baby verloren hat. Es ist eine wichtige Geschichte, die erzählt werden muss, und sie steht auch für den fortdauernden feministischen Kampf. Unser Ziel ist es, ein diverses, queeres und feministisches Festival zu sein – Vielfalt ist für uns zentral.
Die Einladung lautet: Kommen Sie ins Kino und sehen Sie sich diese Filme an! Viele davon werden in Wien nur ein einziges Mal gezeigt – das macht das Festival so besonders. Man sollte es erleben und genießen, denn in zwei Jahren kehren wir mit einer neuen Filmauswahl zurück.
--
CINE LATINO FESTIVAL 2026
www.filmcasino.at/special/cinelatino
Das NONSTOP-ABO ist bei allen Vorstellungen gültig!
Reservierungen am besten über E-Mail mit Angabe der Nonstop-Abo-Nummer an filmcasino@filmcasino.at
filmcasino@filmcasino.at
Filmcasino
1050 Wien, Margaretenstraße 78
01 / 587 90 62
kassa@filmcasino.at
--
Kino am Spittelberg
1070 Wien, Spittelberggasse 3
01 / 890 72 86
kassa@filmhaus.at