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Freitag, 10 Mai 2024 11:41

Exótica von Amanda Piña: Tanz und Widerstand im Kontext der europäischen Kolonialvergangenheit

Von María Andrea Múñoz / Übersetzung: Franz Klika
Exótica Michel Jimenez / Estudio Fortuna 2023

Inmitten Europas vereint sich eine vielfältige Gruppe von Künstlern, um ein tiefgründiges und historisch bedeutsames Thema zu erkunden: Exotik. Von der Einladung der Tanzwissenschaftlerin und Forscherin Nicole Haitzinger bis zu Aufführungen auf renommierten Bühnen quer durch den Kontinent, hat dieses Projekt die Grenzen des zeitgenössischen Tanzes auf die Probe gestellt. In einem exklusiven Interview mit Amanda Piña, die übersehene und vergessene Künstler aus der europäischen Tanzgeschichte wieder ins Rampenlicht rückt, erfahren wir mehr über die Inspirationsquellen, Herausforderungen und die tiefe persönliche Bedeutung, die Exotica für alle Beteiligten hat. Diese Arbeit, die von der Suche nach Heilung bis zur Neuinterpretation historischer Narrative reicht, zeigt, wie Tanz im Kontext der kolonialen Vergangenheit Europas zu einem kraftvollen Instrument des Widerstands und der Transformation wird.

Wie ist das Projekt Exotica entstanden?

Die Tanzwissenschaftlerin und Forscherin Nicole Haitzinger lud mich ein, historische und choreografische Recherchen über das Leben und die Arbeit von Künstlern, Choreografen und Tänzern unterschiedlicher Herkunft durchzuführen, die in den 1920er Jahren in Europa tätig waren.

Was hat Sie inspiriert?

Meine eigenen Erfahrungen und die einer Gruppe von Künstlern, die sich im Rahmen des Exotica-Projekts zusammengefunden haben. Sie stammen aus fernen Ländern und leben und arbeiten jetzt in Europa. Die beteiligten Künstler sind Venuri Perera, Bared Kabangu Bakambay, Tejeutsa Zobel Raoul (auch bekannt als Zora Snake), Angela Muñoz und Isaac Andrés Espinoza Hidrobo. Gemeinsam mit dieser Gruppe erforschen wir das Leben und das Werk dieser Künstler aus der Vergangenheit.

Wo wird Exotica noch aufgeführt?

Wir sind gerade aus Portugal zurückgekehrt, wo wir nach unseren Auftritten in Wien am DDD-Festival teilgenommen haben. Im Laufe der Jahre 2023 und 2024 sind wir in vielen europäischen Hauptstädten aufgetreten. Im Sommer 2024 werden wir beim Festival Tanz im August in Berlin dabei sein und dann nach Skandinavien reisen, um im Dansens Hus, dem Haus des Tanzes in Stockholm, aufzutreten.

Exótica © Michel Jimenez / Estudio Fortuna 2023
Exótica © Michel Jimenez / Estudio Fortuna 2023
Exótica © Michel Jimenez / Estudio Fortuna 2023
Exótica © Michel Jimenez / Estudio Fortuna 2023

Können Sie Lesern, die mit dem Konzept nicht vertraut sind, die Bedeutung des Exotismus erklären?

Exotismus ist eng mit Rassismus und Kolonialismus verbunden. Er bezieht sich darauf, wie der weiße Blick, ein Erbe des Kolonialismus, "die Anderen" kategorisiert und sie auf bestimmte Stereotype reduziert. Dadurch werden Menschen, die nicht der dominanten Kultur angehören, in enge Vorstellungen von Sichtbarkeit und Repräsentation gezwungen.

Wie trägt Exotica zur Heilung bei?

Unser Ansatz konfrontiert diesen "weißen Blick", der aus kolonialem Denken stammt und in der Geschichte des Tanzes sowie im Theater weiterhin präsent ist. Wir erforschen die Geschichte schwarzer und brauner Tänzer und Choreografen in Europa, um eine Brücke zu schlagen und die Begegnung zwischen Künstlern aus verschiedenen kulturellen Kontexten und einem europäischen Publikum zu reflektieren und zu heilen. Wir versuchen, die Beziehung zwischen dem, was innerhalb und außerhalb des europäischen Kontexts liegt, neu zu gestalten und zu heilen.

Erzählen Sie uns von La Saravia.

Die Großtante meines Vaters, La Saravia, war eine berühmte Tänzerin und Sängerin, die im letzten Jahrhundert als spanische Künstlerin in Paris und später in Marseille lebte. Ihre Mutter brachte sie nach Paris, um einer unglücklichen Ehe zu entkommen, denn zu jener Zeit galt eine Scheidung als skandalös. La Saravia und ihre Mutter waren unabhängige und moderne Frauen, die sich im Europa ihrer Diaspora dem Tanz und der Kunst widmeten. Sie tanzte vor dem letzten Zaren von Russland und wurde eine Stil-Ikone der Pariser Modewelt. Als ich ihre Fotos in der Bibliothèque Nationale de France entdeckte, spürte ich eine erstaunliche Verbindung zu ihr.

La Saravia engagierte sich für die queere Community in Marseille, die bis 1982 von der Polizei verfolgt wurde. Sie lebte mit ihrer Tochter in einer Wohnung in einem lebhaften Viertel von Marseille, mitten im Zentrum des Nachtlebens. Wenn die Polizei Razzien in den Schwulenbars durchführte, öffnete La Saravia ihre Tür, um den Betroffenen Schutz zu bieten. Maurice Béjart finanzierte ihre Beerdigung und ihr Grab; sie ist auf dem Hauptfriedhof von Marseille beigesetzt.

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www.nadaproductions.at 
STUDIO FORTUNA
Verein für nachhaltiger Kunst
Cottagegasse 10 /5
A-1180 Wien
Allgemeine Anfragen: production@nadaproductions.at 

 

Letzte Änderung am Freitag, 10 Mai 2024 12:11
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