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Freitag, 13 März 2026 23:45

Drogenpolitik und Haft: Expertinnen warnen bei der UNO vor unverhältnismäßigen Folgen für Frauen in Lateinamerika

Von
De izquierda a derecha: Nathalia Sánchez García (Colombia), Dr. Gabriel Rossi (Uruguay), Rogelio Salgado (CEA Justicia Social, México), Claudia Cardona (Mujeres Libres, Colombia), Geras Contreras (Universidad de los Andes, moderación) y Macarena Fernández Hofmann (Centro de Estudios Legales y Sociales - Argentina). En las pantallas superiores interviene por video la investigadora Sara Hulsey. Foto: CulturaLatina

Wien.- Die Verschärfung der Drogenpolitik hat in Lateinamerika unverhältnismäßige Auswirkungen auf Frauen – insbesondere auf jene, die in Armut und sozialer Ausgrenzung leben. Auf diese Entwicklung wiesen Expertinnen, Regierungsvertreterinnen und Menschenrechtsorganisationen während der Veranstaltung „When Drug Control Harms Women: Punitive Policies and Incarceration in Latin America“ hin, die im Rahmen der 69. Tagung der Suchtstoffkommission (Commission on Narcotic Drugs, CND) am Sitz der Vereinten Nationen in Wien stattfand.

Die Veranstaltung brachte Forschende, Regierungsvertreter:innen und Vertreter sowie internationale Organisationen zusammen, um zu analysieren, wie Strategien zur Bekämpfung des Drogenhandels zum Anstieg der Inhaftierung von Frauen in der Region beitragen und bestehende soziale Ungleichheiten weiter verschärfen.

Eine zentrale Botschaft der Diskussion war, dass viele der wegen Drogendelikten inhaftierten Frauen nur untergeordnete Rollen innerhalb illegaler Ökonomien einnehmen. Häufig geraten sie aus strukturellen Gründen in diese Situationen – etwa aufgrund von Armut, fehlenden Arbeitsmöglichkeiten oder geschlechtsspezifischer Gewalt.

When Drug Control Harms Women
Nathalia Sánchez García, Kolumbien. Foto: CulturaLatina
When Drug Control Harms Women
Geras Contreras von der Universidad de los Andes – Kolumbien. Foto: CulturaLatina
When Drug Control Harms Women
Dr. Gabriel Rossi, Generalsekretär der Nationalen Drogenbehörde Uruguays. Foto: CulturaLatina
When Drug Control Harms Women
Claudia Cardona, Mujeres Libres. Foto: CulturaLatina

Die Moderatorin der Veranstaltung, Geras Contreras, Forscherin an der Universidad de los Andes, erklärte, dass die vorgestellte Studie darauf abzielt, die Auswirkungen von Strategien zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität auf Frauen im Strafjustizsystem sichtbar zu machen. Nach ihren Worten werden Drogenpolitiken häufig ohne geschlechterspezifische Perspektive umgesetzt und ignorieren damit die sozialen Bedingungen, die viele Frauen überhaupt erst in illegale Ökonomien treiben.

Frauen wegen geringfügiger Delikte in Haft

Während der Veranstaltung wurde betont, dass die Mehrheit der in der Region inhaftierten Frauen wegen nicht-gewalttätiger Delikte im Zusammenhang mit dem Drogenhandel im Gefängnis sitzt – etwa wegen Drogentransports oder kleineren Formen des Vertriebs.

Im Namen Kolumbiens erläuterte Nathalia Sánchez García, eine Diplomatin, die an der internationalen Drogenpolitik des Landes arbeitet, während der Diskussion die Fortschritte der sogenannten „Ley de Utilidad Pública“. Die Initiative soll Alternativen zur Haft für Frauen schaffen, die geringfügige Delikte unter Bedingungen sozialer Verwundbarkeit begangen haben.

Analysen der kolumbianischen Gefängnispopulation hätten gezeigt, dass viele dieser Frauen keine bedeutenden Rollen innerhalb von Drogenhandelsnetzwerken einnahmen. Vielmehr seien sie häufig in Situationen wirtschaftlicher Marginalisierung in solche Delikte geraten, verfügten über niedrige Bildungsniveaus und trugen oft die Hauptverantwortung für den Lebensunterhalt ihrer Familien.

„Die Frage, die wir uns gestellt haben, war, ob Haft wirklich die einzige mögliche Antwort ist“, sagte sie.

Das Gesetz ermöglicht es Frauen, die wegen geringfügiger Delikte verurteilt wurden, ihre Strafe durch gemeinnützige Arbeit außerhalb des Strafvollzugs zu verbüßen. Ziel ist es, familiäre Bindungen nicht zu zerstören und ihre gesellschaftliche Wiedereingliederung zu erleichtern.

Soziale Folgen der Inhaftierung

Von zivilgesellschaftlichen Organisationen vorgestellte Studien zeigten, dass die Inhaftierung von Frauen tiefgreifende Folgen für ihre Familien hat – insbesondere dann, wenn die Frauen die Hauptverantwortung für die Betreuung ihrer Kinder tragen.

Claudia Cardona von der kolumbianischen Organisation Mujeres Libres erklärte, dass viele inhaftierte Frauen zudem Gewalt während Polizeieinsätzen erleben, unter Druck gesetzt werden, Anklagen zu akzeptieren, und oft Schwierigkeiten haben, Zugang zu einer angemessenen rechtlichen Verteidigung zu erhalten.

Die Inhaftierung führt in vielen Fällen auch zum Verlust der wirtschaftlichen Grundlage des Haushalts und zum Zusammenbruch familiärer Unterstützungs- und Betreuungsnetzwerke.

Hochsicherheitsgefängnisse

Der Fall Mexiko wurde von Rogelio Salgado, Forscher am Centro de Estudios y Acción por la Justicia (CEA Justicia Social), vorgestellt. Er schilderte die Bedingungen im Centro Federal de Reinserción Social No. 16 (CEFERESO 16), einem Hochsicherheitsgefängnis für Frauen, die wegen Bundesdelikten angeklagt oder verurteilt wurden.

Der präsentierten Untersuchung zufolge sind Frauen in solchen Einrichtungen mit äußerst restriktiven Haftregimen konfrontiert: stark begrenzte Zeit außerhalb der Zellen, strenge Disziplinarsysteme und nur sehr eingeschränkter Kontakt zur Außenwelt.

Diese Bedingungen können nach Angaben der Forschenden schwerwiegende Folgen für die psychische Gesundheit haben – darunter Angstzustände, Depressionen und Fälle von Selbstverletzung.

When Drug Control Harms Women
Rogelio Salgado, CEA Justicia Social. Foto: CulturaLatina
When Drug Control Harms Women
Folie aus der Präsentation über die Haftbedingungen im Frauengefängnis CEFERESO 16 in Mexiko. Rogelio Salgado (CEA Justicia Social) wies auf strenge Einschränkungen und eingeschränkten Kontakt zur Außenwelt hin. Foto: CulturaLatina.
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Macarena Fernández Hofmann, Centro de Estudios Legales y Sociales - Argentinien. Foto: CulturaLatina
When Drug Control Harms Women
Dr. Gabriel Rossi, Generalsekretär der Nationalen Drogenbehörde Uruguays.Foto: CulturaLatina

Ein repressiverer Ansatz in der Region

Im Gespräch mit diesem Medium warnte der Generalsekretär der Junta Nacional de Drogas Uruguays, Dr. Gabriel Rossi, dass die Verschärfung der Strafpolitik in der Region das Problem weiter verschärfe.

„Die Inhaftierung von Frauen, die geringfügige Delikte im Zusammenhang mit dem Drogenhandel begangen haben, kann keine Lösung sein“, sagte er.

Laut Rossi verschärft diese Form der Inhaftierung die psychische Belastung der Betroffenen und hat direkte Auswirkungen auf ihre Kinder und Familien.

„Wir brauchen Politiken, die auf Menschenrechten beruhen, auf Schadensminderung setzen und eine geschlechtersensible Perspektive berücksichtigen“, betonte er.

Drogenpolitik neu denken

Außerhalb der Paneldiskussion erklärte eine kolumbianische Vertreterin, die am internationalen Austausch über Drogenpolitik beteiligt ist, dass eine der zentralen Botschaften der Debatten dieser Woche in Wien die Notwendigkeit sei, die derzeitigen Strategien auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse neu zu überdenken.

„Die vorhandenen Erkenntnisse zeigen, dass die Art und Weise, wie wir heute über Drogenpolitik nachdenken, überarbeitet werden muss“, sagte sie.

Ein wesentlicher Teil der Debatte bestehe darin zu verstehen, warum viele Menschen überhaupt in diese illegalen Ökonomien geraten. In Lateinamerika sei dies häufig mit Faktoren wie Armut, illegalem Anbau, Drogenhandel und fehlenden wirtschaftlichen Perspektiven verbunden.

Nach Ansicht der Vertreterin würde die Berücksichtigung dieser strukturellen Ursachen wirksamere Antworten ermöglichen als rein repressive Strategien.

UN Women fordert geschlechtersensible Drogenpolitik

In einer per Video übertragenen Botschaft betonte Sara Douglas von UN Women, dass die spezifischen Erfahrungen von Frauen in der internationalen Drogenpolitik weiterhin unzureichend berücksichtigt werden. Viele Frauen geraten ihren Worten zufolge aufgrund struktureller Faktoren in illegale Ökonomien – etwa wegen Armut, fehlender Arbeitsmöglichkeiten, mangelnder sozialer Absicherung oder familiärer Betreuungsverpflichtungen.

Douglas warnte, dass punitive Ansätze in der Drogenpolitik in mehreren Regionen zu einem Anstieg der Inhaftierung von Frauen beigetragen und bestehende Kreisläufe sozialer Ausgrenzung weiter verstärkt hätten – mit Folgen nicht nur für die betroffenen Frauen, sondern auch für ihre Familien.

„Drogenpolitik ist nicht geschlechtsneutral“, erklärte sie und betonte zugleich die Notwendigkeit, stärker auf menschenrechtsbasierte Ansätze, Gleichstellungspolitik und Alternativen zur Haft bei nicht-gewalttätigen Delikten zu setzen.

Menschenrechte und Drogenpolitik

Auch Hannah Wu, Leiterin der Abteilung für Frauenrechte und Genderfragen im Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte, nahm per Videokonferenz an der Diskussion teil. Sie betonte, dass die Inhaftierung von Frauen wegen drogenbezogener Delikte zunehmend zu einer Frage der Menschenrechte werde.

Die Veranstaltung mit dem Titel „When Drug Control Harms Women: Punitive Policies and Incarceration in Latin America“ wurde vom Centro de Estudios Legales y Sociales (CELS) organisiert – mit Unterstützung von Kolumbien und Uruguay sowie des Joint United Nations Programme on HIV/AIDS (UNAIDS), des Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights, des United Nations Latin American Institute for the Prevention of Crime and the Treatment of Offenders (ILANUD), von UN Women, dem Centro de Estudios y Acción por la Justicia (CEA Justicia Social), der Corporación Centro de Estudios de Derecho, Justicia y Sociedad (Dejusticia), Elementa DDHH, dem International Drug Policy Consortium sowie der International Network of Formerly Incarcerated Women (INFIW).

When Drug Control Harms Women
Diskussion über die Auswirkungen der Drogenpolitik auf Frauen bei einer Nebenveranstaltung der UN-Suchtstoffkommission (CND) in Wien. Foto: CulturaLatina

Wichtige Zahlen

Die Zahl der inhaftierten Frauen in Lateinamerika ist seit dem Jahr 2000 um mehr als 200 % gestiegen.

In einigen Ländern sind bis zu 70 % der inhaftierten Frauen wegen Drogendelikten im Gefängnis.

Die meisten dieser Delikte sind nicht gewalttätig und von geringem Ausmaß, etwa Drogentransport oder kleinräumiger Vertrieb.

In Mexiko stieg der Anteil von Frauen in Bundesgefängnissen wegen Delikten auf Ebene der Bundesstaaten von 3,4 % im Jahr 2017 auf 39,8 % im Jahr 2024.

Viele der inhaftierten Frauen sind Mütter und Hauptversorgerinnen ihrer Familien.

Letzte Änderung am Samstag, 14 März 2026 00:00
Maria Taramona

María Elena Taramona de Rodríguez ist Journalistin, Grafikdesignerin sowie Chefredakteurin und Herausgeberin des zweisprachigen Magazins CulturaLatina & Österreich. Seit 2005 lebt sie in Österreich und gründete 2009 in Wien ihre eigene Werbeagentur, aus der später das Magazin entstand. Mit viel Engagement setzt sie sich dafür ein, kulturelle Verbindungen zwischen Österreich und der lateinamerikanischen Community zu stärken und den interkulturellen Austausch zu fördern.

 

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