Die Ausstellung, die vom 5. März bis zum 31. Mai 2026 für die Öffentlichkeit zugänglich ist, ist das Ergebnis von mehr als eineinhalb Jahren partizipativer Arbeit mit Hunderten Mitgliedern der lateinamerikanischen Community in Wien. Das Projekt ist Teil der Initiative Viena Latina - VIELAC, getragen vom Österreichisches Lateinamerika-Institut, der Akademie der bildenden Künste Wien und dem Wien Museum.
Eine Ausstellung aus der Community heraus
Während der Presseführung vor der Eröffnung erklärte der Historiker Berthold Molden, Leiter des Projekts, den Geist, der die gesamte Initiative prägt:
„Wir haben ein Projekt von, für und mit den lateinamerikanischen und karibischen Communities in Wien geschaffen. Mehr als 400 Personen haben daran mitgewirkt und gemeinsam Wissen über ihre Migrationserfahrungen produziert.“
Das Projekt reagiert auf ein klares Bedürfnis: den Geschichten der lateinamerikanischen Migration öffentliche Sichtbarkeit zu geben – einem Kapitel, das bislang nur wenig Platz in der historischen Erzählung der Stadt gefunden hat.
Um dies zu erreichen, nutzte das Team partizipative Methoden, die es den Communities selbst ermöglichen, ihre Erfahrungen zu erzählen. Dazu gehören unter anderem:
• Oral History, mit mehr als 70 biografischen Interviews, die Lebensgeschichten dokumentieren.
• Photovoice, eine visuelle Methode, bei der Menschen ihre Erfahrungen durch Fotografien erzählen.
• Stadtspaziergänge, entwickelt von lateinamerikanischen Migrant:innen, die Orte in Wien sichtbar machen, die mit ihren Migrationsgeschichten verbunden sind.
• Ein digitales Community-Archiv, in dem Menschen Familienfotos, Briefe, Dokumente und Erinnerungsstücke ihrer Migration hochladen können.
Das Ergebnis ist ein lebendiges Archiv, das die lateinamerikanische Präsenz in Wien dokumentiert – und auch nach dem Ende der Ausstellung weiter wachsen wird.

Geschichten zwischen zwei Welten
Aktuellen Schätzungen zufolge leben heute rund 20.000 Menschen aus Lateinamerika und der Karibik in Wien. Ihre Migrationsgeschichten sind vielfältig: von politischen Flüchtlingen, die in den 1970er-Jahren vor Militärdiktaturen flohen, bis hin zu Studierenden, Arbeitnehmer:innen oder Familien, die in Österreich ein neues Leben aufgebaut haben.
Genau diese Vielfalt steht im Mittelpunkt der Ausstellung. Die Soziologin und Co-Direktorin des Projekts, Marcela Torres Heredia, erklärte während der Präsentation, dass eines der wichtigsten Ziele darin bestand, einen Raum zu schaffen, in dem sich möglichst viele Menschen repräsentiert fühlen können:
„Wir wollten, dass die Menschen ihre Geschichten auf die Weise erzählen können, die sie selbst wählen – durch Interviews, Fotografien, persönliche Archive oder sogar durch textile Arbeiten.“
Eines der zentralen Elemente der Ausstellung ist ein kollektives textiles Werk, das aus 48 Teilen besteht und in Gemeinschaftsworkshops entstanden ist. Die Wahl des Textilen ist kein Zufall: In Lateinamerika waren Stoffe und Stickereien historisch wichtige Mittel, um Erinnerung, politischen Widerstand und kollektive Erfahrungen auszudrücken.
Jedes einzelne Stück erzählt eine persönliche Geschichte – gemeinsam bilden sie jedoch eine gemeinsame Erzählung darüber, was es bedeutet, zwischen zwei Welten zu leben.
Eine lebendige Ausstellung
„Viena Latina“ ist keine Ausstellung mit einer abgeschlossenen Erzählung. Ihre Organisator:innen beschreiben sie vielmehr als eine Ausstellung im Wachstum. In den kommenden Monaten werden neue Objekte, Geschichten und Beiträge von lateinamerikanischen Initiativen in Wien hinzukommen – darunter Kulturvereine, Community-Medien, Sportclubs und soziale Projekte.
Darüber hinaus umfasst das Programm Aktivitäten in mehreren Sprachen (Spanisch, Deutsch, Portugiesisch und Englisch), darunter Begegnungen, Führungen und Community-Veranstaltungen.
Auch die Ausstellung selbst lädt Besucher:innen zur aktiven Teilnahme ein: An einigen Stationen können sie Informationen zu einer Migrations-Zeitleiste hinzufügen oder neue Geschichten zum digitalen Archiv beitragen.
Jenseits des „Latino“-Stereotyps
Ein weiteres Ziel des Projekts ist es, die Vereinfachungen zu hinterfragen, die oft mit dem Begriff „Latino“ verbunden sind. Wie die Organisator:innen während der Präsentation erklärten, umfasst die Kategorie „Lateinamerika“ sehr unterschiedliche Realitäten: mehr als zwanzig Länder, zahlreiche Sprachen, verschiedene Migrationsgenerationen und sehr unterschiedliche persönliche Lebenswege.
Die Ausstellung versucht genau diese Pluralität sichtbar zu machen – von Geschichten politischen Exils bis hin zu Migrationen, die durch Liebe, Ausbildung oder Arbeit motiviert waren.
Ein Platz im Gedächtnis der Stadt
Für viele der am Projekt Beteiligten hat es eine besondere Bedeutung, dass diese Geschichte im Wien Museum, einer Institution, die sich der urbanen Erinnerung der Stadt widmet, erzählt wird.
In den Worten von Marcela Torres Heredia:
„Dieses Projekt soll unsere Präsenz sichtbar machen und zeigen, dass wir hier sind – und dass wir vieles zu erzählen haben.“
Und zugleich richtet sich damit auch eine Einladung an die Stadt, die sie aufgenommen hat. Denn „Viena Latina“ ist nicht nur für Lateinamerikaner:innen gedacht. Die Ausstellung möchte einen Dialog mit dem Wiener Publikum eröffnen und zeigen, dass auch die Geschichte der Stadt von Migration, Begegnungen und kulturellen Vermischungen geprägt ist.
Wie der Historiker Berthold Molden am Ende der Präsentation zusammenfasste:
„Was wir heute feiern, ist ein kollektiver Akt: eine sehr vielfältige Migrationserfahrung mit der gesamten Stadt Wien zu teilen.“
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Ausstellung: Viena Latina – Leben zwischen den Welten
5. März – 31. Mai 2026
Ort: Wien Museum, Karlsplatz 8, Wien
www.vienalatina.org