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Sonntag, 29 Mai 2022 15:39

Die Butterkinder der österreichischen Nachkriegszeit

Von Stefan Galván
Helmuth Rohr, 1949 Foto: Privates Archiv Helmuth Rohr,

Man bezeichnete die unterernährten Kinder in der Nachkriegszeit als Butterkinder (Los niños de la mantequilla), die nach Kriegsende in andere Länder auf Erholung geschickt wurden. Spanien war eines der Länder, wohin die Kinder nach dem zweiten Weltkrieg mit Caritas geschickt wurden, um aufgepäppelt zu werden. Lesen Sie hier ein besonderes Interview mit Helmuth Rohr, einem Butterkind.

„Viele Kinder in Österreich waren zu dieser Zeit unterernährt und sie wurden in der Nachkriegszeit des zweiten Weltkrieges von spanischen Pflegeeltern mit sehr viel Liebe aufgenommen. Im Jahre 1949 fand die erste “Kinderverschickung” die von Caritas - Österreich und Acción Cátolica - Spanien organisiert wurde, statt.

Der Aufenthalt bei den spanischen Pflegeeltern beeinflusste die weitere Zukunft der "Spanienkinder" und bis heute sehen sie Spanien als zweite Heimat. 
 
So empfindet es auch Ing. Helmuth Rohr, der mit 8 Jahren nach Vitoria ins Baskenland geschickt wurde.

Er hat nach über siebzig Jahren noch heute Kontakt zu “seiner spanischen Familie.

Viele Urlaube führten ihn zurück ins Baskenland und andere Städte, die er in seiner Kindheit auch besuchen durfte und er ist immer an allem Spanischen interessiert.

Cultura Latina konnte mit Helmuth Rohr, einem Zeugen dieser Zeit, ein sehr interessantes Gespräch führen.

Herr Rohr, vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben.

 

-Warum mussten Ihre Eltern Sie nach Spanien schicken?
Eigentlich muss man sagen: Sie mussten nicht, sondern sie durften! Der Grund war - wie schon in der Einleitung angeführt Unterernährung und bei den üblichen Untersuchungen in der Schule wurde irgendein beginnender Lungenschaden, entstanden durch die Mangelernährung festgestellt.
 
- In Wien gab es sehr viele Bombenzerstörungen. Veranlasste Ihre Eltern den Umstand, dass Sie mit Ihrer Familie nur in einem Zimmer wohnten, Sie mit der Caritas nach Spanien zu schicken.
Das war nicht der Grund, weil - als ich von Spanien zurückkam  - wohnten wir nach wie vor bis Mai 1955 in diesen beengten Wohnverhältnissen. Der Grund für die Verschickung waren gesundheitliche Überlegungen.
 
-Wie lange waren Sie insgesamt in Spanien und wie oft?
Als Kind – mit der Caritas bei meinen Pflegeeltern war ich 2 Mal. Das erste Mal Februar bis Oktober 1949 und dann wurde ich von meinen Pflegeeltern 1950 nochmals eingeladen und war auch ca. 9 Monate bis Mai 1951 dort. Als Erwachsener war ich erstmals wieder im Jahre 1962 in Spanien und auch bei meinen Pflegeeltern in Vitoria. In der Zwischenzeit habe ich mehr als 20 Reisen nach Spanien unternommen, fast immer auch mit einem Besuch in Vitoria verbunden.
 
-Erzählen Sie uns von der ersten Reise ins Baskenland, als Sie zum ersten Mal zu einer Pflegefamilie geschickt wurden. Welche Erinnerungen haben Sie?
Wir fuhren mit der Eisenbahn. Ich glaube es war der Aspangbahnhof im 3. Bezirk von wo die Transporte weggingen. Über die Reiseroute kann ich nichts Exaktes sagen. Bis vor kurzem dachte ich, dass wir über die Schweiz fuhren, von irgendwo hörte ich jedoch, dass das nicht stimme, wir seien über Genua  gefahren und hätten dabei das Meer gesehen. Daran habe ich aber überhaupt keine Erinnerung. Das kann ich mir nicht erklären, da ich denke, dass man es nicht vergisst wenn man das erste Mal das Meer sieht. Erinnern kann ich mich, dass wir auf der Fahrt Lourdes besuchten und dort zu einer Jause eingeladen waren mit dem für Frankreich typischen Café au lait. Das war etwas was ich mir gemerkt habe. In Wien hätte ich keinen Kaffee bekommen, auch nicht noch mit so viel Milch. Die Fahrt selber hat - glaube ich - 3 oder 4 Tage gedauert, wir haben in den Coupés auf den Bänken, dem Boden und ich glaube auch irgendjemand im Gepäcksnetz geschlafen. Die Fahrt ging bis nach Pamplona, wo wir nach ein paar Tagen (das war unterschiedlich) von den Pflegeeltern abgeholt wurden.
 
-Als Sie in Pamplona ankamen, bekamen Sie also „bocadillos mit chorizo“ (Brote mit Paprikawurst). Andere Butterkinder erzählen auch, dass Sie das Obst fasziniert hat, dass Sie in Spanien bekamen. War für Sie das Essen eine große Umstellung?
Glaube ich eigentlich nicht, ich war von zu Hause gewohnt immer „alles zu essen, was auf den Tisch kommt“. An Orangen kann ich mich auch erinnern.
 
-Können Sie sich noch daran erinnern als Sie die Familie zum ersten Mal begrüßten?
 Als ich das erste Mal in das Haus meiner Pflegeeltern kam nahm mich der Pflegevater an der Hand und führte mich zum WC, damit ich weiß wo das ist.
 
-Wie war die Verständigung und wie lernten Sie Spanisch?
Ein paar Brocken lernten wir in Pamplona, bevor wir aufgeteilt wurden. Ich wurde relativ bald zur Schule geschickt. Das war eine Klosterschule und sie hatten eine deutsche Nonne. Das weiß ich aber eigentlich mehr aus Erzählungen von meiner Pflegemutter, selber kann ich mich weder an die Nonne noch an diese Klosterschule, die ich beim ersten Mal besucht habe, erinnern. Beim 2. Mal war ich in einer – auch katholischen - Schule, die ganz in der Nähe des Hauses war. Daran habe ich ein bisschen mehr Erinnerungen. Natürlich habe ich nicht alles verstanden was da vorgetragen wurde, aber ich denke die Lehrer hatten für mich Verständnis. Durch die Schule, und dadurch, dass im Haus nur spanisch gesprochen wurde (Deutsch konnte niemand) und, dass man als Kind relativ leicht lernt, hatte ich bald einen Wortschatz mit dem ich mich gut verständigen konnte. Ich besuche jetzt wieder Kurse in Spanisch um meine Kenntnisse der Sprache nicht zu verlernen bzw. sie aufzufrischen und zu erweitern. 

1949-ReiheA. Foto: Archivo personal Helmuth Rohr, tomada entre año 1949 y 1950.
1949-Reihe. Foto: Archivo personal Helmuth Rohr.

-Es war bestimmt alles so ganz anders als in Österreich, so wie beispielsweise auch das Essen und die Essenszeiten –richtig?
 Richtig, schon alleine, dass ich in Wien als Einzelkind aufwuchs und dort gab es viele Geschwister. Vielleicht hat mir auch nicht alles sofort geschmeckt was ich bekommen habe, aber wie gesagt, ich war von zu Hause gewohnt immer „alles zu essen, was auf den Tisch kommt“. Als ich schon erwachsen war, hat mir meine Pflegemutter erzählt, dass ich gefragt wurde ob es mir schmeckt, ich habe oft „Nein“ gesagt und weitergegessen.
 
-Als Sie in Vitoria mit Ihren spanischen „Geschwistern“ zur Schule gingen lernten Sie beispielsweise, dass in Spanien anders dividiert und multipliziert wird.
-Welche Erinnerungen haben Sie noch aus Ihrer spanischen Schulzeit?
Dass die Benotung anders rum als bei uns war. Dort war die „10“ die beste Note und bei uns ist es die „1“. Am meisten freute es mich, wenn wir irgendetwas zeichnen sollten. Da hatte ich offensichtlich ein bisschen mehr Talent dazu als die anderen.
 
-Es war also eine spanische Großfamilie wo Sie hinkamen. Wie viele Kinder hatte diese Familie?
 11 Kinder.
 
-Auf den Fotos sind die Familie und Ausflüge zu sehen. Schön ist, dass die Pflegefamilie Ihnen konstant weiter Fotos schickte um Sie auf dem Laufenden zu halten.
In den Sommermonaten hat es einen Studenten gegeben, der mit uns Buben (auch mit einem gleichaltrigen Nachbarsohn) Ausflüge mit dem Fahrrad in die nähere Umgebung gemacht hat. Ich musste mit ihm auf der Stange mitfahren, weil ich damals noch nicht Radfahren konnte. Manchmal gab es auch mit allen Geschwistern ein Picknick, da entstanden auch die angesprochenen Fotos.  Ja, ich habe im Laufe der Jahre viele Fotos von der Familie erhalten.
 
-Bestimmt haben Sie auch viele Briefe geschrieben.
Als Kind wurde ich von meiner Pflegemutter angehalten, jede Woche einen Brief an meine Eltern zu schreiben. Nicht immer hatte ich dazu Lust, aber nachdem das wöchentliche Taschengeld daran gekoppelt war, schrieb ich eben jede Woche einen Brief. Meine Mutter hat die Briefe, die ich beim 1. Aufenthalt  geschrieben habe gesammelt und ich habe sie heute noch. Leider ist von meinem 2. Aufenthalt kein Brief mehr vorhanden. Natürlich schrieb ich von Wien auch Briefe nach Vitoria, da bemühte und bemühe ich mich immer, sie in gutem Spanisch zu verfassen.
 
-Das Haus der Familie war im Zentrum Vitorias, direkt neben dem Palast Ajura-Enea, dem heutigen Sitz der baskischen Regierung. Es war ein großes Haus. Hatten Sie ein eigenes Zimmer?
Ja und nein. Eigentlich war der Raum für 2 Brüder und für mich. Sehr zu meinem Leidwesen waren die Beiden aber während der Schulzeit in einem Internat und ich daher alleine im Zimmer. 
 
-Carlos war der „spanische Bruder“ mit dem Sie sich am besten verstanden haben, richtig? Erzählen Sie uns ein bisschen mehr über Ihre Geschwister und über die spanischen Eltern.
Carlos war für mich „der große Bruder“ der für mich als Kind eine Art Vorbild war, zu dem ich aufgeschaut habe. Er war immerhin um 2 ½ Jahre älter als ich und das war für mich als 8 oder 9 Jährigen viel. Dieser „große Bruder“ ist er auch später noch geblieben. Leider ist er schon verstorben. Ich denke aber, gut verstanden habe ich mich mit allen anderen Geschwistern auch. Dadurch, dass nicht alle in Vitoria leben ist jetzt bei manchen der Kontakt mehr und bei anderen weniger. Wenn auch das Haus in dem ich als Kind wohnte, nicht mehr der Familie gehört, ist es für mich immer eine Art „Heimkommen“ wenn ich nach Vitoria kam. Meine Pflegeeltern waren sehr gut situiert, sie hatten eine große schöne Villa mit einem großen Garten. Das war auch bei 11 Kindern notwendig. Es gab Personal, unter anderen auch eine Köchin die mehr als nur Köchin, nämlich für uns Kinder auch eine Bezugsperson war. Sie gehörte sozusagen schon zur Familie. Alle meine Geschwister haben sich auch immer um sie gekümmert, ich konnte sie auch noch vor ihrem Tod in einer Seniorenresidez besuchen. Auch meine Tochter schwärmt noch immer von den „Croquetas á la Vito“ – so hat sie geheißen. Mein Pflegevater ist leider relativ bald verstorben 1969, meine Pflegemutter starb 1994. Von meinen Geschwistern hatten 3 geistliche Berufe, 2 Klosterschwestern – eine verbrachte den größten Teil ihres Lebens in Lateinamerika - und ein Priester, der in Loyola studiert hat und dort als Jesuit zum Priester geweiht wurde. Von den 11 Geschwistern sind leider schon 5 verstorben.
 
-Der Kontakt zu der spanischen Familie ist also all diese Jahre aufrecht erhalten geblieben und die Spanier kamen auch nach Wien Sie zu besuchen. Haben Sie auch Kontakt zur nächsten Generation?
Meine Pflegeeltern waren nie in Wien. Von der „nächsten Generation“ (= meine Geschwister) waren mehrere 1975 in Wien, später auch einige deren Kinder, die mich auch besucht haben.

-Und Ihre Tochter konnte mit Ihnen auch nach Vitoria fahren um die Pflegefamilie kennen zu lernen.
Meine Tochter Angelika war mit ca. 2 Jahren das erste Mal in Spanien in Benidorm und hat dort auch meine Pflegemutter und einige Geschwister kennen gelernt. Mein Pflegevater hat zu dieser Zeit leider nicht mehr gelebt. Als Kind und auch als Teenager war sie einige Male in Spanien und auch in Vitoria bei meiner Pflegefamilie.
 
-Interessant ist es auch Ihre Erzählung, dass Sie als Sie wieder zurück in Wien waren zu Weihnachten große Pakete bekamen, mit typisch spanischen Weihnachts-Süßigkeiten wie „polvorones“ und „turrones“.
Die Pakete waren nicht groß, offensichtlich gab es damals eine Beschränkung mit 1kg, aber es kamen immer sehr viele, meist 10 – 13 Pakete! Auch später, als ich schon erwachsen war kamen Pakete zu Weihnachten und zum Geburtstag, natürlich nicht mehr 13 Stück aber doch einige, auch immer mit Geschenken für meine Familie und für mich. Und das, solange meine Pflegemutter lebte! 
 
-Haben Ihre leiblichen Eltern jemals die spanischen Eltern kennengelernt?
Leider nein.
 
-Als Sie dann aus Spanien zurückkamen erzählen Sie, dass Sie  sogar Deutsch nachlernen mussten.
Als ich das 2. Mal von Spanien zurückkam, musste ich zur Aufnahmsprüfung für die „Realschule“ antreten. Ich durfte die Prüfung im Herbst – zu Beginn des Schuljahres - ablegen. Und da hat mich mein Vater den ganzen Sommer über mit Grammatik etc. „gequält“. Mein deutscher Wortschatz ist – glaube ich - bald wieder gekommen.

-Vor kurzem waren Sie zu einer Goldenen Hochzeit in Vitoria eingeladen, aber aufgrund der Pandemie konnten Sie leider nicht reisen.
Ich hätte schon können, aber ich hatte dann doch Bedenken, während der Pandemie überhaupt wegzufahren
 
-Werden Sie diese Reise irgendwann nachholen?
Ich hoffe schon, wieder einmal nach Vitoria fahren zu können.

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Herr Rohr, Sie sind ein Zeitzeuge- vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

1949-Terrasse. Foto: Archivo personal Helmuth Rohr.
1949-Terrasse. Foto: Privates Archiv Helmuth Rohr.
1950-Campo. Foto: Archivo personal Helmuth Rohr.
1950-Campo. Foto: Archivo personal Helmuth Rohr.
1950-Tino. Foto: Archivo personal Helmuth Rohr.
1950-Tino. Foto: Privates Archiv Helmuth Rohr.
Helmuth Rohr, 2022. Foto: Angelika Gabriel
Helmuth Rohr, 2022. Foto: Angelika Gabriel

 

Letzte Änderung am Sonntag, 29 Mai 2022 16:02

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