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CulturaLatina: Lateinamerikanische Zeitschrift Österreichs auf Spanisch und Deutsch


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Donnerstag, 17 Juni 2021 22:48

Alejandro Peña: Wann ist man integriert? Das ist die Frage, die niemand beantworten kann

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Ing. Alejandro Peña: "Si hablas el idioma alemán no significa que estés integrado en la sociedad". Foto: © Ivett Angeles Litano

Der Ingenieur Alejandro Peña ist ein interkultureller Mensch mit chilenischen Eltern, aufgewachsen in Österreich und geboren in Argentinien. Er kam im Alter von nur einem Jahr nach Österreich und ist ein Österreicher mit lateinamerikanischem Temperament. Derzeit ist er Klubobmann der Penzinger SPÖ, aktiver Funktionär des Wiener Magistrats 17 und Produktionsleiter der Fernsehsendung LatinoTV.

Am 11. September 1973 putschte das Militär in Chile und die Eltern von Alejandro entschlossen sich das Land zu verlassen und nach Argentinien zu flüchten. Leider kommt es auch in Argentinien zu einem Staatsstreich, so dass Österreich ihnen Asyl gewährt. So kam Alejandro im Alter von eineinhalb Jahren nach Wien, zusammen mit seinem kleinen Bruder. Alejandros Eltern waren Lehrer und hatten in Chile politische Ämter inne.

Alejandros Peña Eltern beschlossen, am 11. September 1973 nach dem Staatsstreich in Chile, nach Österreich zu flüchten. So kam Alejandro im Alter von eineinhalb Jahren, zusammen mit seinem kleinen Bruder, nach Wien. Alejandros Eltern waren Lehrer und hatten politische Positionen.

Alejandro fragte sich: Warum sind wir hier? Warum sind meine Großeltern nicht hier? Und gleichzeitig wurde er oft gefragt: „Warum Chile?“ „Kennst du Pinochet?“ „Kennst du Allende?“ „Kennst du die Geschichte?“ So viele Fragen, die er selbst zu beantworten und zu verstehen begann. Er lernte die Geschichte seines Landes, das politische System und wichtige Aspekte der Gesellschaft und Kultur zweier Kontinente kennen.

Alejandro begann sich immer mehr für Politik zu interessieren und trat der „Österreichischen Sozialistischen Gemeindepartei Chiles“ bei. Später, im Jahr 2000, als ÖVP und FPÖ ihre Koalition ausriefen und Haider in allen Schlagzeilen war, entschied sich Alejandro, der Sozialdemokratischen Partei Österreichs beizutreten. Er arbeitete bei der sozialistischen Jugend, war Leiter der Junge Generation Penzing und seit 2008 ist er Bezirksrat im 14. Wiener Gemeindebezirk.
So begann er seine ersten politischen Schritte, während seine Eltern ihm beibrachten, wie man in der Öffentlichkeit Reden hält, wie man sich in Sitzungen verhält, was man beachten muss, usw. Heute ist Alejandro 45 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Töchter, ist Klubobmann der Penzinger SPÖ und arbeitet für das Magistrat 17.

Was ist dein Ziel als Politiker?

Um die Frage richtig beantworten zu können, muss man das politische System in Lateinamerika und in Österreich kurz erklären, weil es sich sehr unterscheidet. Wenn du zum Beispiel in Österreich für ein politisches Amt kandidierst, wirst du von der Partei ernannt. In den lateinamerikanischen Ländern kandidiert man unter der Flagge der Partei und man ist selbst für den Wahlkampf verantwortlich, d. h. man muss sich selbst die Mittel für die Propaganda suchen, usw.
Ich wurde von der Sozialdemokratischen nominiert, sie setzten mich auf die Liste und so begann mein Aufstieg. Wir müssen auch differenzieren, dass es den Politiker auf der nationalen Ebene, also den im Parlament, wo Politik für das ganze Land gemacht wird, den Politiker auf der Gemeinde- oder Landtags-Ebene und den Bezirkspolitiker gibt, so wie ich einer bin. Das ist sehr interessant, weil man auf diese Weise direkt die Veränderungen miterleben und sehen kann, was in der Gemeinde passiert. Das heißt, wenn man eine Entscheidung zum Wohle des Bezirks und seiner Mitmenschen trifft und es Änderungen gibt, dann kann man diese sofort umsetzen. Ich kann nicht über ein bestimmtes Ziel sprechen. Was meine Aufmerksamkeit erregt, ist die Umweltthematik und vor allem Fragen zur Familie und zu jungen Menschen.

"Die Definition von Integration ist eine Sache, der Respekt vor der Gesellschaft eine andere. Denn auch in Lateinamerika kann man nicht machen, was man will. Ein Österreicher kann auch nicht überall nackt baden gehen, weil das einfach nicht erlaubt ist, so Alejandro Peña im Interview mit María Taramona. (Foto: Ivett Angeles Litano).

Betrachtest du dich als Österreicher, Chilene oder Argentinier?

Sehr gute Frage, denn ich hatte einmal einen peruanischen Kollegen, der mir die gleiche Frage stellte. Ich habe ihm „alle drei“ gesagt. Er sagte: „Nein, du musst nur eine Identität wählen!“ Meine Eltern sind Chilenen. Ich bin in Argentinien geboren und in Österreich aufgewachsen. Da ich fünfundvierzig Jahre alt bin, muss ich immer ein Jahr Pause minus rechnen. Ich bin also seit diesem Alter in Österreich. Mein ganzes Leben habe ich in Österreich gelebt. Wenn aber etwas in Chile oder Argentinien passiert, berührt es mich, wie z.B. was sich jetzt in Kolumbien, Venezuela und Peru ereignet. Ich bin ein Kind der Welt, aber ich habe natürlich drei Länder in meinem Herzen: Chile, Argentinien und Österreich.

Du beschäftigst dich auch schon lange mit Integration und Diversität

Gerade als ich die IT-Welt (2008) verließ, suchte das Magistrat eine Person, die Spanisch spricht. Also begann ich im Magistrat 17 (MA17) in der Abteilung für Integration und Diversität zu arbeiten. Und das war gut, denn dort habe ich angefangen, mit spanischsprachigen Communities zu arbeiten, und bin jetzt für die Beratung von lateinamerikanischen Migranten, aber auch für Türken und Kurden zuständig, die nach Österreich kommen.

Diese Arbeit erregte meine Aufmerksamkeit, weil es viele Themen gab, von denen ich überhaupt nichts wusste. Ich hatte das Glück, dass meine Eltern mir in meiner Kindheit viel Sicherheit gaben und nie das Gefühl von Rassismus oder Arbeitsmangel, oder dass es andere Probleme gab. Mit der Arbeit in der MA 17 wurde mir klar, dass es eine andere Welt außerhalb der Blase gibt, die meine Eltern für mich geschaffen hatten. Dort begann ich, ein wenig mehr über die Probleme die es gibt zu erfahren. Es ist nicht so, dass ich sie heute alle kenne, aber es gibt viele Dinge, die ich nun weiß und meine Aufgabe ist es, den MigrantInnen Informationen und Hilfestellung zu geben, indem ich sie über Gegebenheiten und Vorfälle aufkläre, die ich schon gesehen bzw. erlebt habe.

Zum Beispiel gibt es viele Migranten, die nach Österreich kommen, Deutsch lernen, das Niveau C1 erreichen (was entsprechend dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen ein sehr fortgeschrittenes Niveau ist), aber nicht wirklich Deutsch sprechen können. Ich habe gelernt, dass es in der lateinamerikanischen Kultur immer die Angst gibt, sich lächerlich zu machen und deshalb spricht man nicht und schweigt stattdessen. Also gebe ich ihnen den Rat, zu sprechen, es zu versuchen, auch in dem Bewusstsein, dass sie vielleicht die Sprache nie perfekt sprechen werden, aber trotzdem, bei jeder Gelegenheit Deutsch zu sprechen. Das wird ihnen helfen, denn sie werden von anderen verstanden, sie können sich weiterentwickeln, aber trotzdem werden sie ihre Identität nie verlieren.

Ich habe auch in Projekten der Stadtteilgesellschaft mitgearbeitet, zum Beispiel mit islamischen und anderen Religionen. Wir mussten Verbindungen zu verschiedenen Gesellschaften herstellen und ihnen erklären, wie es hier funktioniert, damit man besser miteinander auskommt. Das ist auch ein Teil meiner Aufgabe.

 

INTEGRATION

 

Denkst du, man ist integriert, wenn man eine Arbeit hat?

Mehr noch, denn ich denke, man ist integriert, wenn man Teil eines Prozesses sein kann. Was meine ich damit? Für viele Menschen ist zum Beispiel das Wahlrecht für Migranten wichtig und da sie es nicht haben, schließen sie sich aus oder leben in ihrer eigenen Welt. Wenn sie also Deutsch sprechen, heißt das noch lange nicht, dass sie automatisch integriert sind, es macht es ihnen nur leichter, Teil der Gesellschaft zu sein. Es gibt viele Kinder, die die Sprache perfekt sprechen, sich aber trotzdem aus verschiedenen Gründen nicht als Teil der Gesellschaft fühlen. Da ist noch eine andere Sache: Man spricht die Sprache Deutsch bei der Arbeit und zu Hause kommuniziert man mit seinem Partner, seiner Partnerin, in seiner Muttersprache. Dasselbe passiert auch mit Freunden.

Viele Paare mit Kindern wollen ganz einfach, dass sie ihre Muttersprache beibehalten. Bei der Arbeit sprechen sie also Deutsch und zu Hause sprechen sie Spanisch.

In meinem Fall war es genauso. Ich bin nie zur Schule gegangen, um Spanisch zu lernen, denn das haben mir meine Eltern beigebracht. Meine Eltern hatten ein Motto: „Zu Hause sprichst du Spanisch, draußen sprichst du Deutsch.“ Mir half sehr, dass ich Fußball spielte und man somit automatisch die Sprache der Straße lernt und dadurch wurde ich schneller Teil der Gesellschaft.

Glaubst du, dass man mit Dialekt mehr Emotionen vermitteln kann, als mit Hochdeutsch?

Ja, das glaube ich. Selbst wenn ich ein „garabato“ (Schimpfwort) sage, sage ich es im Dialekt, denn auf Spanisch klingt es sehr süß, sehr zart. Das Schwierige in Österreich ist, dass jedes Bundesland, jede Gemeinde ihren eigenen Dialekt hat und es nicht einfach ist, sie alle zu verstehen.
Deshalb erkläre ich den Leuten immer, dass es das Deutsch gibt, das man in der Schule lernt und das Deutsch, das man auf der Straße spricht.

Wie wichtig ist es für die AusländerInnen, den Dialekt zu lernen?

Was passiert, ist dass man Deutsch, das Hochdeutsch lernt und dann nach und nach den Dialekt.
Das hängt natürlich von den jeweiligen Freundschaften ab. Die FreundInnen, die man hat, sind selten Wiener Freunde, sondern meist Leute aus den Bundesländern, die hierherkommen, um zu leben und zu arbeiten, und die sprechen Deutsch mit einem. Du hast dann zwar Freunde, die Deutsch mit dir sprechen, aber nicht im Dialekt. Zum Beispiel eine Kolumbianerin, die in Tirol Deutsch lernte, sich trennte und nach Wien zog. Als sie anfing hier (im Tiroler Dialekt), zu sprechen verstand sie niemand und sie hat auch gar nichts vom Wienerischen verstanden.
Ich denke, wenn man den Dialekt versteht, wenn man Teil der Gesellschaft ist, identifiziert man sich mehr mit der Provinz oder dem Land.

Alejandro Peña: "Wenn sie integriert sind, essen sie keine Tamale? Wenn sie integriert sind, essen sie dann einen Schweinsbraten?". (Foto: Ivett Angeles Litano)

Wie gelingt es, Freunde aus Wien zu haben?

Geduld, sehr viel Geduld! Und wenn man in einer Gruppe aufgenommen ist, ist der beste Freund, den man haben kann, ein Wiener! Wer aus Lateinamerika kommt, ist es gewohnt, sich mit der halben Welt zu unterhalten, man lädt nach Hause ein, auf einen Kaffee oder zum Essen. Hier ist es ein bisschen anders. Ein Wiener/eine Wienerin lädt nicht so schnell jemand zu sich nach Hause ein. Er/sie wird dich einladen, wenn er/sie dich wirklich kennt. In meinem Fall ist und war das anders, denn ich bin hier aufgewachsen und bin hier zur Schule gegangen. Wo hast du deine besten FreundInnen? In den Schulen! Man findet die besten FreundInenn in der Grundschule, im Gymnasium und dann an der Uni und/oder bei der Arbeit.

Können wir also sagen, dass gesunde Integration ein psychologisches Thema ist?

Ich denke schon. Es gibt keine offizielle Studie, die sagt: „Wenn du Teil der Gesellschaft bist, arbeitest und die Sprache sprichst, bist du integriert“. Ich sehe das nicht so, denn - ich wiederhole - wenn man die Sprache spricht, bedeutet das nicht, dass man integriert ist.

Bin ich eine integrierte Ausländerin, wenn ich den Integrationsvertrag einhalte oder die Regeln der Gesellschaft akzeptiere?

Wenn du die Gesetze nicht akzeptierst, bist du nicht integriert. Zum Beispiel die „Hausordnung“, dass um zehn Uhr kein Lärm mehr gemacht werden darf, das ist etwas Grundsätzliches, aber viele halten sich nicht daran. Oder, dass sie sich nicht zu riesigen Partys in den Parks treffen (verweis auf die COVID-Maßnahmen). Hier versammelt sich die Communities und viele sprechen perfektes Deutsch. Sind sie integriert? Ich glaube ja, weil sie arbeiten, ihre Steuern zahlen, die Sprache sprechen, Teil der Gesellschaft sind, aber eine andere Sichtweise, was das Leben angeht, haben.

Nur weil sie in unserem Land leben, dürfen sie nicht vergessen, wie sie früher gelebt haben. Das nennt man Assimilation: Das völlige Vergessen dessen, was man in seinem Herkunftsland gemacht hat. Zum Beispiel Tamale: Wenn sie integriert sind, essen sie keine Tamale? Wenn sie integriert sind, essen sie dann einen Schweinsbraten? - Es gibt Parameter, die den Prozess der Integration definieren. Es ist dasselbe wie mit der Sprache, man studiert die Sprache, aber man spricht Dialekt. Man studiert das Gesetz, man hält sich an Gesetze, aber vielleicht fühlt man sich als Person nicht als Teil der Gesellschaft.

Meine persönliche Meinung ist, wenn man in ein Land kommt, in dem man mit dem Besten empfangen wird – sollte man zumindest die Sitten des Gastlandes respektieren.

Die Definition von Integration ist eine Sache, der Respekt vor der Gesellschaft eine andere. Denn auch in Lateinamerika kann man nicht machen, was man will. Ein Österreicher kann auch nicht überall nackt baden gehen, weil das einfach nicht erlaubt ist. Manche ÖsterreicherInnen sind ja von FKK (Freikörperkultur) fasziniert.

Welche Botschaft würdest du Menschen geben, die kein Deutsch sprechen, aber in Österreich leben wollen?

Wenn man die Sprache nicht spricht, kann man einfach nicht Teil der Gesellschaft sein. Das ist sehr einfach. Es ist jedem selbst überlassen, ob er die Sprache des Landes, in dem er aktuell lebt, spricht. Ich habe zum Beispiel den Fall von zwei EuropäerInnen, die hierhergekommen sind und keine Prüfung ablegen müssen, weil sie zur Europäischen Union gehören. Ich sagte ihnen, wenn ihr Deutsch lernt ist es OK, wen nicht, ist es auch OK. Es kann dir nichts passieren, aber es wird schwieriger einen Job zu finden und an den Prozessen der Gesellschaft teilnehmen zu können. Deshalb ist die Sprache zwar der Schlüssel, aber es bedeutet noch lange nicht, dass man integriert ist.

 

María Taramona, Direktorin Zeitschrift
María Taramona, Direktorin Zeitschrift "CulturaLatina & Österreichische Kultur" mit Ing. Alejandro Peña Klubobmann der Penzinger SPÖ. (Foto: Ivett Angeles Litano).

DOKUMENTE für lateinamerikanische Migranten

Wie ist der Aufnahme-Prozess eines Lateinamerikaners, der zum ersten Mal in Österreich ankommt?

Es kann ein Student oder irgendeine Person sein, die z.B. aus Peru kommt und spanische Papiere hat, also Spanier ist, folglich als Europäer hier ankommt. Es kann eine andere Person sein, die mit einem Österreicher oder einer Österreicherin oder sonstigem europäischen Bürger verheiratet ist. Ich beziehe mich auf Leute, die aus EU-Länder kommen, weniger aus England, weil die nicht mehr in der EU sind. Alle diese Leute, die hier ankommen, müssen zum Magistrat 35 gehen und dort ihre Papiere vorlegen. Wenn sie verheiratet sind oder einen Antrag auf Familienzusammenführung haben, müssen sie die Integrationsvereinbarung einhalten. In diesem Vertrag steht, dass sie in zwei Jahren das A2-Niveau in Deutsch erreichen und einen Integrationstest machen müssen. Das ist ein Test, bei dem man z.B. gefragt wird, ob Österreich eine Republik oder eine Diktatur ist und ähnliche Fragen. Nach fünf Jahren müssen sie die Stufe B1 (vom Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen), erreicht haben. Damit erfüllen sie den „Integrationsvertrag“ und erhalten nach 5 Jahren eine unbefristete Erlaubnis mit einer auf fünf Jahre befristeten Karte, wobei die Erlaubnis dauerhaft ist.

Wie läuft der Prozess ab, wenn die Person aus Peru oder einem EU-Land kommt?

Eine Person aus Peru mit spanischen, italienischen oder deutschen Dokumenten, die nach Österreich einreist, muss ebenfalls zum Magistrat 35 gehen, dort muss eine sogenannte Anmeldebescheinigung ausgestellt werden.
Dafür müssen sie vier Dokumente vorweisen: Reisepass, e-Card, Meldezettel und das ausgefüllte Formular, wo sie erklären müssen, wie sie ihren Lebensunterhalt hier finanzieren. Dann bekommen sie die Anmeldebescheinigung und 150 Euro für einen Deutschkurs (50 Euro pro Stufe) und sie müssen den „Integrationsvertrag“ nicht erfüllen.
Das Gleiche gilt für eine Person, die mit einem Mitglied der Europäischen Union verheiratet ist und die 150 Euro als Gutschein erhält und sich nicht an die „Integrationsvereinbarung“ halten muss. Natürlich gibt es hier Vor- und Nachteile.

Der Vorteil ist, dass sie nicht verpflichtet sind, die Sprache zu lernen, wenn sie das erforderliche Niveau nicht erreichen, können sie aus dem Land nicht ausgewiesen werden. Der Nachteil ist, dass sie nicht die ganze Hilfe vom Staat bekommen, um die Sprache zu lernen. Wenn die Person mit einem/einer Österreicher/in verheiratet ist, gibt ihr der Staat eine andere Art von Unterstützung, z. B. einen Gutschein vom Land Österreich und 300 Euro von der Stadt Wien. Es gibt verschiedene Arten der Unterstützung, aber hier sind aber verpflichtet, die Sprache zu lernen.

Gilt es auch für Paare, die zusammenleben, ohne verheiratet zu sein?

Ja, das ist gesetzlich und heißt Partnerschaft. Früher musste man verheiratet sein, aber das Gesetz hat sich geändert.

Studenten und Aufenthalt in Österreich. Wie funktioniert das in diesem Fall?

Der Aufenthalt eines Studenten ist ein bisschen komplizierter, weil es vom Alter abhängt. Sie müssen ein bestimmtes Einkommen pro Jahr haben, 8.000 Euro ca., wenn sie unter 25 Jahre und 13.000 Euro ca., wenn sie über 25 Jahre alt sind. Diese Einkommensgrenzen erhöht sich laufend.

Müssen Studenten arbeiten oder einfach den Nachweis erbringen, dass sie das Geld haben, um sich selbst zu versorgen?

Studenten müssen das Geld haben, weil das Gesetz es verlangt. Die Idee ist, dass der Student nach Österreich kommt, studiert und wieder nach Hause zurückkehrt. Aber so ist es im Normalfall nicht. Der Student kommt in Österreich an, studiert und will hierbleiben und leben und da ergibt sich die Schwierigkeit, wie er im Land bleiben kann. Deshalb gibt es viele Migranten, die einen doppelten Master-Abschluss haben, denn um ihren Aufenthalt nicht zu verlieren, machen sie einen weiteres Master-Studium. Wenn sie einen Master-Abschluss haben, dürfen sie 20 Stunden pro Woche arbeiten, wenn sie einen Bachelor-Abschluss haben, dürfen sie 10 Stunden pro Woche arbeiten.

Wurde dieses Gesetz geändert?

Es ist ein nationales Gesetz und jedes Mal nach Wahlen wurden die Bedingungen verändert. Mit der schwarz-blauen Koalition von 2000 - 2006, wurden die Einwanderungsgesetze viel restriktiver. Zum Beispiel ist die Anmeldebescheinigung in Österreich obligatorisch und ich glaube, es ist das einzige Land in Europa, das sie verlangt. In Deutschland gibt es etwas Ähnliches.
Als sich 2005 die EU verbreitet, gab es die Befürchtung, dass die ÖsterreicherInnen ohne Arbeit dadurch schwieriger in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden könnten, folglich haben sie dieses Gesetz erlassen, das für mich sehr seltsam ist. Aus meiner Sicht ist es sehr ungerecht, weil ich als Österreicher in ein anderes Land – ohne eine Anmeldebescheinigung vorlegen zu müssen - migrieren kann, auch wenn ich kein Einkommen habe.

Liegt das an der Zahl der Flüchtlinge, die ins Land kommen?

Nein, die Flüchtlinge sind ein zusätzliches Thema. Es ist auch interessant, denn als 2015 die erste Flüchtlingswelle aus Syrien, Afghanistan und dem Irak in die Stadt kam, war meine Abteilung MA17 nicht dafür zuständig. Wir waren nur für den/die legalen MigrantInnen zuständig, nicht für Flüchtlinge, das war ein Thema des Bundes. Aber da Wien das einzige Bundesland ist, das diese Art von Infrastruktur hat, hat sie den Fall übernommen. Ich habe auch mit Flüchtlingen gearbeitet und ihnen etwas Hilfe und Orientierung gegeben, Deutschkurse organisiert, erklärt wie das österreichische System und wie das Bildungssystem funktioniert, etc. Für den Flüchtling ist es stressig, weil er vieles nicht kennt. Wir empfangen zum Beispiel viele Menschen aus Syrien, die mit einer hervorragenden Ausbildung hier ankommen, die aber aufgrund eines anderen Systems hier oft nicht anerkannt wird.

Es gibt zum Beispiel Syrer, die Ärzte sind und weil ihre Abschlüsse hier nicht anerkannt werden, müssen sie als Krankenpfleger und können nicht als Ärzte arbeiten, weil sie das ganze Studium in Österreich nochmal absolvieren müssten. Das wird von KollegInnen in meiner Abteilung in 40 verschiedenen Sprachen gemacht. Jeder/Jede spricht zwei oder drei Sprachen, ich spreche Deutsch, Englisch und Spanisch.

Ist die Website des Magistrat 17 auch auf Spanisch?

Ja, und es gibt auch Teile in englischer Sprache. Auf startwien.at gibt es Informationen über Deutschkurse, Institutionen wie den Waff (Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds), die Wirtschaftskammer und die Wirtschaftsagentur. Übrigens, es ist sehr interessant, denn viele Menschen aus unserem Kulturkreis kommen nach Österreich und wollen sich selbstständig machen.

Aber es ist nicht wie in unseren Heimatländern, wo man einfach eine Firma gründen kann. Hier funktioniert eine Unternehmensgründung etwas anders. Das Problem sind die Steuern, die sie nach einem Jahr zahlen müssen. Es sind Gesetze, die sie nicht kennen und deshalb bieten wir auch diese Art von Beratung an. Mit dem WAFF arbeiten wir zusammen, wenn jemand einen Job hat. Wir beraten sie dann, damit die Person einen Fachkurs besuchen kann.

"Der Student kommt in Österreich an, studiert und will hierbleiben und leben und da ergibt sich die Schwierigkeit, wie er im Land bleiben kann. Deshalb gibt es viele Migranten, die einen doppelten Master-Abschluss haben, denn um ihren Aufenthalt nicht zu verlieren, machen sie einen weiteres Master-Studium.", erklärt Ing. Alejandro Peña. (Foto: Ivett Angeles Litano)

BILDUNG

Was passiert mit den ausländischen Kindern und Jugendlichen, die in österreichische Schulen gehen, die sehr schnell Deutsch lernen, aber einen Kulturschock bekommen? D. h. sie werden erwachsen, erreichen das Alter von 18 - 20 Jahren finden keine Arbeit und gelten ab diesem Zeitpunkt als schwarzes Schaf der Gesellschaft.

Solche Fälle gibt es viele. Deshalb hat die Stadt Wien ein Programm namens www.interface-wien.at, für junge Leute von 15 bis 21 Jahren, ins Leben gerufen. Hier können sie sich orientieren, bekommen Hilfe bei der Jobsuche, beim Schreiben eines Lebenslaufs, Unterstützung wenn sie einen Lehrplatz suchen und sie können einfach miteinander über ihre Probleme reden.

Wir haben Fälle von Personen, die ins Land kommen, heiraten, ihre Kinder im Teenageralter herholen und sich als Familie wieder zusammenführen. Das Problem mit diesen Kindern ist, dass ihre Eltern sie auf dem Gymnasium anmelden. Das Gymnasium ist ein altes Bildungssystem, das noch aus der Zeit von Maria Theresia stammt und dort muss man sehr gut Deutsch sprechen und schreiben können. Die Jungen oder Mädchen sind 14 Jahre alt und werden in Klassen von 12-jährigen Mädchen oder Jungen untergebracht. Die Körper dieser Jugendlichen sind fast voll entwickelt und sie sitzen nun in einer Klasse mit kleinen Jungen und Mädchen, die gerade anfangen, Pickel im Gesicht zu bekommen. Für sie ist die Situation schwierig und natürlich ist es ein Schock. Aber stell dir vor, es gibt Menschen, die mit 14 Jahren in den 70er Jahren angekommen sind und es gab keine solche Hilfe, niemanden, der mit ihnen in ihrer Sprache sprach, sie konnten sich nie integrieren. Heutzutage sind alle Programme der Stadt Wien eine große Hilfe.

Wie findest du das österreichische Bildungssystem?

Zunächst einmal gibt es Leute, die das österreichische Bildungssystem nicht kennen. Ich hatte einen Fall von einem peruanischen Vater, der mir stolz erzählte: „Mein Sohn geht auf die Sonderschule. Die LehrerInnen sagten, er müsse auf eine Sonderschule gehen und ich habe im Wörterbuch nachgeschaut und eine Sonderschule ist etwas Besonderes“. Das tut weh. Deshalb erklären wir im Magistrat 17 das österreichische Bildungssystem.

Ich finde das Bildungssystem veraltet und sehe, dass es Reformen braucht, sowohl in den Hauptschulen als auch in den Gymnasien. Das sind Bildungstypen, die es nicht mehr geben sollte. Auch die Volksschule und die Unterstufe sollten reformiert werden.
Ich halte aber die Oberstufe für ein gutes System, denn von dort kommen die Lehrlinge. Auch die HAK, AHS oder HTL sind sehr gute Systeme. Die Lehre - als duales Bildungssystem, finde ich sehr gut, denn junge Leute lernen die Theorie in der Berufsschule und das praktische Fachwissen direkt am Arbeitsplatz im Unternehmen und bekommen einen Abschluss als FacharbeiterInnen.
Deshalb gibt es in Wien die Schulcampusse, wo Kindergarten, Volksschule und die Neue Mittelschule vereint sind.

Ingeniero Alejandro Peña un gran amigo de la revista
Ing. Alejandro Peña hat auch seine Zeitschrift "CulturaLatina & Österreichische Kultur" (Foto: Ivett Angeles Litano)

FRAUENRECHTE & FEMINISMUS

 Was denkst du über die aktuelle Frauenrolle und den Feminismus?

Meiner Frau zu helfen, hat nichts mit Feminismus zu tun. Meine Frau ist meine Partnerin, meine Freundin und meine Frau und wir bilden eine Familie. Das haben mir meine Eltern beigebracht. Ich brauche kein Feminismus Gesetz, finde es aber sehr wichtig. Der Prozess des Frauenkampfes heute schreitet voran, aber es gibt noch viel zu tun, zum Beispiel die Löhne. Und hier erzähle ich immer die Geschichte meiner Eltern: Sie waren beide Lehrer, aber in Österreich konnten sie nicht als Lehrer arbeiten, also haben sie in der Fabrik der Firma Grundig am Fließband gearbeitet, wo sie Teile in Fernsehgeräte eingebaut haben und so bestritten sie unseren Lebensunterhalt. Mein Vater hat bei seiner Arbeit um 3000 Schilling mehr verdient als meine Mutter, die härter gearbeitet hat. Heute gibt es immer noch diesen Unterschied zwischen den Gehältern von Männern und Frauen.

Ich sage meinen Töchtern: „Es gibt nichts, was eine Frau nicht tun kann! Eine Frau kann sogar noch eine Sache mehr, die ein Mann nicht kann, nämlich Kinder bekommen".

Wir haben auch angefangen, über Farben zu sprechen, rosa und blau. Es gibt keine Farben für Mädchen und Farben für Jungen. Es gibt Farben und ein Junge kann rosa mögen, genauso wie ein Mädchen blau. Mein Beitrag ist, vor allem die Mädchen zu stärken und ihnen zu sagen, dass es nichts gibt, was sie nicht schaffen können. Alles ist möglich.

Leider ist die Gesellschaft in diesem Sinne nicht bereit, Frauen ein angemessenes Gehalt für die gleiche Arbeit zu geben. „Gleiches Geld für die gleiche Arbeit“.

Aktuell müssen wir leider über ein anderes Thema sprechen, nämlich die Femizide, die immer häufiger werden. Es gibt ein Sprichwort, das sagt „Liebe tötet nicht", das heißt, man tötet nicht aus Liebe, das ist keine Liebe. Wir müssen ein strenges Gesetz gegen Femizid erlassen. Denn was passiert? Der Mann tötet die Frau, sein Anwalt behauptet, dass er ein psychisches Problem hat, dass er krank ist und er in eine Anstalt gehört. Es ist ein sehr trauriges Thema und im Moment, zum Zeitpunkt dieses Interviews, gibt es bereits 11 Frauenmorde.

Ich komme zurück auf das Thema Bildung. Man muss die Kinder erziehen und ihnen alles erklären, damit sie verstehen, denn wenn man es ihnen nicht erklärt, wie sollen sie es dann verstehen? Es ist nicht normal, dass die Mutter alle Aufgaben im Haus erledigen muss. Sie können ihr helfen, es passiert ihnen nichts, wenn sie der Mutter beim Kochen helfen. Auch als Mann passiert ihnen nichts, wenn sie im Haushalt mitarbeitenaushalt mitarbeitenHaus. Es ist eine Frage der Erziehung. Aber auch die Frau muss akzeptieren, dass der Mann ihr hilft, denn ich kenne viele Fälle, wo die Frau sagt: „Mach das nicht, das ist mein Job“. Ich denke also, dass dies eine gemeinsame Aufgabe ist und es sind die neuen Generationen, die dies verbessern können.

Man kann einem alten Pferd keine neuen Dinge beibringen, aber man kann es ihm erklären. Sie können einem Fohlen alles beibringen. Genauso wie man einem Kind beibringen kann, dass es zu Hause mithelfen muss und dass das normal ist. Denn wie ich schon sagte, meine Frau ist meine Frau, sie ist meine Freundin und meine Partnerin, sie ist keine Hausfrau, sie ist keine Sklavin und ich unterstütze sie, so wie sie mich unterstützt und das ist es, was wir den Menschen und besonders den Kindern von Anfang an beibringen müssen.

 

Letzte Änderung am Donnerstag, 17 Juni 2021 23:30
Maria Taramona

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