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CulturaLatina: Lateinamerikanische Zeitschrift Österreichs auf Spanisch und Deutsch


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Donnerstag, 15 April 2021 13:46

Fitore Morina: „Bleib am Ball, steh wieder auf, egal was passiert!“

Von Maria Taramona & Marcos Valenzuela
Fitore Morina, Leiterin der Initiativ "ZUSAMMEN:ÖSTERREICH". © Eva Messerer

Integration ist nicht nur der Versuch, mit Menschen aus anderen Teilen der Welt in Harmonie zu leben. Integration ist ein stetiger Prozess und der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) ist ein Fonds der Republik Österreich und ein Partner des Bundes in der Integrationsförderung. Es gibt mehrere Projekte, die in Österreich lebenden Menschen nicht bekannt sind. Im folgenden Interview, das der österreichisch-kolumbianische Botschafter für Integration, bekannte Modedesigner und Chef von "Tiberius", Marcos Valenzuela, organisiert hat - mit der ebenfalls bekannten Fitore Morina, Leiterin des Projekts „ZUSAMMEN:ÖSTERREICH“ und Robin Sarah Ströhle vom ÖIF - können wir erfahren, wie diese Projekte funktionieren und wie sie uns als LateinamerikanerInnen in Österreich nützen können.

Seit 2017 ist das Bundesgesetz über die Integration von Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft, die sich rechtmäßig in Österreich aufhalten (Integrationsgesetz - IntG), in Kraft. Ziel dieses Bundesgesetzes ist die rasche Integration von Personen, die sich rechtmäßig in der österreichischen Gesellschaft aufhalten, durch das systematische Angebot von Integrationsmaßnahmen (Integrationsförderung) und durch die Verpflichtung zur aktiven Teilnahme am Integrationsprozess (Integrationspflicht).

Der freie und demokratische Staat Österreich basiert auf unbestreitbaren Werten und Prinzipien. Sein identitätsstiftender Charakter und seine Rechtsordnung müssen respektiert werden. Sie bilden die Grundlage für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und damit für den Zusammenhalt der Gesellschaft in diesem Land.

Integration ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, dessen Erfolg von der Partizipation aller in Österreich lebenden Menschen abhängt und auf dem persönlichen Miteinander beruht. Integration setzt insbesondere voraus, dass ZuwandererInnen sich aktiv an diesem Prozess beteiligen, die angebotenen Integrationsmaßnahmen wahrnehmen und die Grundwerte des Landes anerkennen und respektieren.

Als integrierter Mensch müssen Sie in der Lage sein, am sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben des Landes teilzunehmen. Grundlegend dafür sind die Teilhabe durch Erwerbsarbeit, der Zugang zu und die Akzeptanz von Bildungschancen, die Gleichstellung der Geschlechter und das rasche Erreichen der Eigenständigkeit und der österreichischen Staatsbürgerschaft (als Endpunkt eines positiven Integrationsprozesses). Dies ist im Integrationsgesetz festgeschrieben.

Die Integrationsvereinbarung sieht zwei Sprachmodule vor: das Elementarmodul auf A2-Niveau (zur Vermittlung der Grundwerte der Rechts- und Gesellschaftsordnung des Landes) und das B1-Niveau (zur vertieften Vermittlung der Grundwerte der Rechts- und Gesellschaftsordnung). Das Erlernen dieser Module ist obligatorisch und muss innerhalb von 2 Jahren abgeschlossen werden.

Der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) ist dabei erste Anlaufstelle für das Gelingen dieser kompetenten gesellschaftlichen Integration. Laut Jahresbericht (2019) hat der ÖIF mehr als 160.000 Integrationsberatungen für Flüchtlinge und MigrantInnen durchgeführt und mehr als 30.000 Menschen konnten an seinen Werte- und Orientierungskursen teilnehmen und sich über die Regeln des Zusammenlebens in Österreich informieren.

Die Regeln sind klar: Als AusländerInnen oder Flüchtlinge in Österreich erhalten Sie Hilfe, müssen sich aber auch an die Gesetze halten, die das Land vorschreibt. Das Erlernen der Sprache und das Respektieren der Werte und Prinzipien der Nation sind Pflichten für jeden in Österreich lebenden Ausländer. In diesem Interview erklärt unser lieber Freund und Integrationsbotschafter Marcos Valenzuela, wie diese Mechanismen in der Praxis funktionieren.

Embajador de Integración Marcos Valenzuela entrevista a Fitore Morina, Directora de la Iniciativa
Integrationsbotschafter Marcos Valenzuela interviewt Fitore Morina, Leiterin der Initiative "ZUSAMMEN:ÖSTERREICH" des ÖIF (Foto: Eva Messerer & Lobsang Taramona)

Marcos Valenzuela (MV): Wir als Menschen mit Migrationshintergrund können viel mehr machen. Die Latino-Community ist eine kleine Community aber es fühlt sich gut an, dass wie zusammenhalten. Österreich hat wundervolle Programme, und wenn wir uns wirklich darauf einlassen, brauchen wir Informationen, und da sind wir heute, beim Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) und jetzt in Zeiten der Pandemie sollten wir viel mehr Kontakt haben. Wie erreicht der ÖIF die Comunnity? 

Fitore Morina (FM): Seit Beginn der Coronapandemie stellen wir alle Infos rund um COVID-19 in 17 Sprachen auf unserer Website zur Verfügung. Außerdem bieten wir ein umfassendes Onlineangebot für bspw. Deutschlernende genauso wie für MultiplikatorInnen. Die Integrationszentren in den Bundesländern sind ebenso zentrale Anlaufstelle – hier bekommen Flüchtlinge und ZuwanderInnen alle Infos rund um ihren Integrationsprozess. Wenn man neu in ein Land kommt, kennt man die Strukturen, das Bildungs-, Sozial- und Gesundheitssystem noch nicht – genau hier helfen die ÖIF-Mitarbeiter/innen weiter.

(Foto: Fitore Morina confirma que el ÖIF brinda asesorías pero también evalúa lo que necesita la persona, cuál es su profesión, qué nivel de educación tiene, cómo sería la mejor manera de ayudarle y apoyarle en su proceso de integración. (Foto: Eva Messerer & Lobsang Taramona).
Fitore Morina bestätigt, dass der ÖIF Beratung anbietet, aber auch beurteilt, was die Person braucht, welchen Beruf sie ausübt, welchen Bildungsstand sie hat, wie man ihr am besten helfen und sie in ihrem Integrationsprozess unterstützen kann. (Foto: Eva Messerer & Lobsang Taramona).

(MV): Was ist der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF)?

(FM): Der Österreichische Integrationsfonds ist ein Fonds der Republik Österreich und ein direkter Partner der Bundesregierung, wenn es um das Thema der Integrationsförderung geht. Menschen, die nach Österreich kommen, zum Beispiel neben Asylberechtigten, Flüchtlinge, subsidiär Schutzberechtigte, ZuwandererInnen aber auch MultiplikatorInnen, Institutionen, Organisationen können zu uns kommen und erhalten hier als erste Anlaufstelle alle möglichen Informationen. Wie Sie wissen, haben wir z.B. verschiedene Seminare zu den unterschiedlichsten Themen. Das heißt, wenn es um das Thema Integration geht, steht der ÖIF beratend zur Verfügung.

(MV) Wie oft bzw. wer sind die Personen, die zum ÖIF kommen?

(FM): Eigentlich ist es eine sehr bunte Mischung. Natürlich hauptsächlich Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte. Sobald diese Menschen einen positiven Asylbescheid haben, kommen sie zu uns in die Beratung. Und dort beurteilen wir, wie ihr Beruf ist, ihr Bildungsniveau, was braucht die Person noch, wo können wir sie unterstützen, welche Informationen braucht sie? Es kann aber auch genauso in Schulen sein. So ist "ZUSAMMEN:ÖSTERREICH" ein tolles Beispiel. Im Rahmen der Initiative "ZUSAMMEN:ÖSTERREICH" gehen wir mit unseren IntegrationsbotschafterInnen in Schulen und sprechen im Klassenzimmer über Integration. Wie gesagt, auch MultiplikatorInnen, also Leute, die im Integrationsbereich tätig sind, können sich bei uns informieren und weiterbilden und sind immer auf dem neuesten Stand. Die Zielgruppe ist also sehr vielfältig, einschließlich Frauen. Wir haben einen starken Fokus auf Frauen. Die Förderung von Frauen und Mädchen ist sehr wichtig. Das bedeutet, dass es spezielle Beratungen, Kurse, Seminare usw. gibt, um über ihre Rechte und Möglichkeiten, die sie in diesem Land haben, zu informieren.

Embajador de Integración Marcos Valenzuela opina que los hombres deben estar
Integrationsbotschafter Marcos Valenzuela ist der Meinung, dass Männer „auf der Seite der Frauen“ und nicht gegen sie sein sollten, damit endlich „der Kampf der Frauen um Gleichberechtigung“ gewonnen wird. (Foto: Eva Messerer & Lobsang Taramona).

(MV): Wie wurden diese Informationen aufgenommen und gibt es bereits Kontakte zur Latino-Community?

(FM): Ich muss sagen, hier weniger, in erste Linie sind es bspw. Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Iran. Mit Personen aus lateinamerikanischen Ländern haben wir eher weniger Kontakt. Außer jetzt im Rahmen von "ZUSAMMEN:ÖSTERREICH", wo wir auch IntegrationsbotschafterInnen aus anderen lateinamerikanischen Ländern haben.

(MV): Wieso? Was ist der Grund für dieses Phänomen? Liegt es daran, dass von unserer Seite keine Bereitschaft vorhanden ist, sie kennenzulernen, oder ist es die andere Seite?. Wir wissen, dass wir schon ein paar Jahre zusammen sind, und wir wissen, dass Integration eine Brücke ist. Integration ist ein Geben und Nehmen und möglicherweise sind wir nicht bereit euch zu suchen, wenn das der Fall ist, wie können wir euch kontaktieren? Welche Informationen bekommen wir von euch und vom ÖIF?

(FM): Ich glaube nicht, dass es keine Bereitschaft gibt. Ich denke, der Wille ist schon vorhanden. Was oft passiert, ist, dass Menschen denken, dass sie nur zum ÖIF kommen können, wenn sie asylberechtigt oder subsidiär schutzberechtigt sind. Aber MigrantInnen aus allen Ländern können sich an uns wenden. Ich glaube, die Leute denken manchmal, dass sie nicht in die Zielgruppe passen. Aber in Wirklichkeit kann jeder kommen. Wir haben Integrationszentren in jedem Bundesland. Wir haben sogar mobile Beratungen für die Regionen in den Bundesländern, in denen es nicht viele Mobilitätsmöglichkeiten gibt. So kann man uns wirklich überall erreichen und sie haben die Möglichkeit Informationen zu erhalten. Ob es um einen Sprachkurs geht, ob Sie in Ihrem Heimatland eine Studium gemacht haben und dann nach Österreich kommen und wollen, dass es hier anerkannt wird. Wenn ja, welche Förderungen sie in Anspruch nehmen können. Aber auch das wird Ihnen hier mitgeteilt.

(MV): Das heißt, dass eine Person, die ihren Abschluss in Venezuela oder in Kolumbien (Anm. d. Red.: oder in irgendeinem Land) gemacht hat, diesen Abschluss hier anerkennen lässt und sich an den ÖIF wenden kann, um Informationen, Hilfe und Beratung zu bekommen?

(FM): Genau, da bekommen sie sozusagen die Informationen, die sie benötigen. Es ist ein langwieriger Prozess und in vielen Fällen gibt es eine andere Art der Finanzierung, da dieser Prozess mit hohen Kosten verbunden ist.

(MV): Wie können wir mit Ihnen in Kontakt treten?

(FM): Wenn wir nicht unter Coronavirus-Präventionsmaßnahmen stehen würden, sagen wir mal, die Normalität ist da, dass man zum Integrationszentrum gehen kann. Wie ich schon sagte, auch in allen neun Bundesländer. Und entweder bekommen sie einen Termin oder, wenn es möglich ist, können sie sich auch direkt beraten lassen. Jetzt, wegen des Coronavirus, haben wir eine Website, auf der sie mit uns in Kontakt treten können. Wenn sie aber z.B. Informationen über Corona benötigen, bieten wir diese in 17 Sprachen auf der Homepage an. Sie können uns in den sozialen Medien, auf Facebook, sowohl beim ÖIF als auch bei "ZUSAMMEN:ÖSTERREICH" kontaktieren. Sie können z.B. auch die Podiumsgespräche in der ÖIF-Mediathek abrufen, die aufgrund der aktuellen Situation live auf YouTube gestreamt werden. Es gibt also viele verschiedene Kanäle, über die sie uns erreichen können. Und das funktioniert gerade jetzt, in Zeiten von Corona, besonders gut.

Fitore Morina:
Fitore Morina: "...wo immer es Integration gibt, ist der ÖIF dabei, als Berater, als Informant. Wir sind die Schnittstelle zwischen der Regierung und den Menschen, die diese Informationen nutzen". (Foto: Eva Messerer & Lobsang Taramona)

(MV): Was ist für sie bzw. für den ÖIF die größte Veränderung in der Kommunikation mit Kulturen mit Migrationshintergrund? Was ist die größte Herausforderung, die sich Ihnen dadurch stellt?

(FM): Vielleicht fange ich mit "ZUSAMMEN:ÖSTERREICH" an, weil mich das natürlich persönlich sehr betrifft und wir oft in den Schulen unterwegs sind. Das bedeutet, dass wir uns tatsächlich im Klassenzimmer befinden. Wir sprechen mit den Jugendlichen über Integration, Migration, Zusammenleben. Wir versuchen, sie zu motivieren, den Weg der Ausbildung zu gehen und zu sehen, was in Österreich wirklich möglich ist. Das ist die größte Herausforderung für uns. Und wir haben es auch erlebt. Das ist etwas völlig anderes. Wie erreichen die Jugendlichen schon weniger, weil sie Zuhause neben ihren Geschwistern im Zimmer sind, sie können nicht zuhören weil der Fernseher läuft und die Eltern fernsehen. Das haben wir schon gemerkt. Für den ÖIF allgemein ist es natürlich auch eine große Herausforderung. Alle Kurse, Seminare usw., Beratungen, alles war normal und von heute auf morgen hat sich alles verändert. Während des ersten Lockdowns war noch dazu alles geschlossen. Österreich hatte also seinen großen Stillstand. Aber wir haben wirklich gleich im Frühjahr 2020 begonnen alles zu digitalisieren. Also die Sprachkurse, die Angebote, die Beratungen, alles funktioniert online und es funktioniert sehr gut. Und selbst wenn jemand nicht die Möglichkeit hat, online zu sein, informieren wir die Leute z.B. per SMS oder per Mail. Wir erreichen auf diese Weise also auch Asylberechtigte oder subsidiär Schutzberechtigte, die nicht die Möglichkeit haben, einen Computer in ihrem Zimmer zu haben.

(MV): Gibt es in Bezug auf die Sprachen eine Option, die Informationen auf Spanisch zu sehen? Und wenn nicht, welche anderen Möglichkeiten gibt es für spanischsprachige Latinos?

(FM): Auf jeden Fall in Englisch. Wenn jemand noch kein Deutsch kann, dann natürlich Sprachen wie Dari, Farsi, Somali, Türkisch, Rumänisch, Albanisch oder Polnisch. Spanisch ist noch nicht dabei. Das hat mit der Nachfrage zu tun. Wir hatten noch nicht so viele Anfragen auf Spanisch.

(MV): Wenn wir mit diesem Interview jemanden aus der Latino-Community erreichen, kann er kommen und sagen: "Hallo, ich komme aus Lateinamerika. Ich spreche nur Spanisch. Wäre das eine Möglichkeit und würde das etwas in Bewegung bringen?

(FM): Ich denke ja, wenn es einen Anstoß dazu gibt mit vielen Anfragen, kann ich mir das durchaus vorstellen.

 

Robin Sarah Ströhle explica que si hubiera más demanda del idioma español, ellos podrían habilitar este idioma en sus emisiones informativas y páginas webs. (Foto: Eva Messerer & Lobsang Taramona).
Robin Sarah Ströhle erklärt, dass sie, wenn es mehr Nachfrage nach Spanisch gäbe, diese Sprache in ihren Nachrichtensendungen und Webseiten einrichten könnte. (Foto: Eva Messerer & Lobsang Taramona).

Robin Ströhle (RS): Ja, genau. Eine Anfrage ist zu wenig, aber wir versuchen immer, den Aufwand zu überdenken. Aber wenn der Bedarf da ist, dann setzen wir den Schwerpunkt, das haben wir im letzten Jahr gesehen, denn wir haben nicht mit insgesamt 17 Sprachen angefangen, wir haben anfangs die wichtigsten abgebildet und dann sind immer mehr Sprachen dazugekommen.

(MV): Was ist Ihr schönstes Erlebnis bei dem ganzen Projekt? Was gibt es für eine Geschichte, die man nicht vergisst? Wie sieht eine gesunde Integration aus?

(FM): Es gibt viele Geschichten. Ich mache das nun schon seit vier Jahren. Für mich sind die schönsten Geschichten, wenn man in die Augen der SchülerInnen sieht, dass es Klick macht, dass sie verstehen, was der Integrationsbotschafter in seiner Geschichte und mit seiner Lebensgeschichte erzählt. Und wenn die Motivation da ist. Nun, einmal gab es ein Mädchen, auch aus dem Kosovo, wo ich geboren wurde, das nach der Schule zu mir kam und sagte: "Du bist mein Vorbild", und ich dachte: „Ich habe nichts getan, warum bin ich jetzt ihr Vorbild?“ Sie sagte: „Wo hast du die Matura gemacht und studiert?“ Und ich finde das so schön. Also habe ich gesagt, na ja, das kannst du auch machen. Und dann hat sie gemeint: “Meine Eltern haben gesagt: „Ich soll eine Lehre machen und in die Berufsschule gehen“. Und eine Lehre ist auch eine schöne Sache in Österreich, aber das war offenbar nicht ihr Wunsch. Das heißt, meine Lebensgeschichte hat sie dazu motiviert, es jetzt tun zu wollen. Und sie möchte mit ihren Eltern über die Matura sprechen. Und dann verändert diese Kleinigkeit vielleicht ein ganzes Leben. Vielleicht macht sie dann ein Studium, vielleicht wird sie eines Tages Ärztin, und das zu wissen, dass du einen Stein ins Rollen gebracht hast, das ist eigentlich das Schönste was es gibt. Und das Traurigste ist natürlich, dass wir nicht in Klassenzimmern sind.

(MV): Wenn man jungen Menschen seine Geschichte erzählt, dass man aus einem anderen Land kommt und was man durchgemacht hat, wird man zu einer Inspiration für sie und das ist sehr schön. Denn das ist der große Gewinn dieser Arbeit, ein buntes, plurales und integriertes Österreich, und das ist das Ziel des ÖIF. Jetzt haben wir eine Lernherausforderung: das Coronavirus und der Impfstoff. Ich weiß, dass der ÖIF keinen Einfluss auf den Impfplan hat, aber wir haben die Möglichkeit, die Leserinnen und Leser der Zeitschrift CulturaLatina zu informieren. Was können Sie uns dazu sagen?

(FM): Neben Informationen in 17 Sprachen haben wir mit ihnen und anderen IntegrationsbotschafterInnen Videos gedreht, in denen sie über das Thema sprechen. Darüber zu sprechen, wie wichtig es ist, dass wir die Maßnahmen einhalten, dass wir uns testen lassen, dass wir die Möglichkeit nutzen, uns impfen zu lassen. Denn nur so kann vielleicht noch Normalität einkehren, wenn wir alle diese Schritte miteinander gehen. Und miteinander ist das große Wort. Der Zusammenhalt ist also auch sehr, sehr wichtig. Und das wäre auch mein Appell an die LeserInnen, ja zu sagen. Die Situation und unser Leben ist im Moment natürlich nicht die beste, aber wir haben einen gemeinsamen Weg. Und wenn wir ihn gemeinsam gehen, kehrt irgendwann die Normalität zurück. Der Tag X wird kommen. Wir haben es in der Vergangenheit auch immer geschafft und das war der große Appell, die Hoffnung nicht zu verlieren, sondern gerade jetzt, wo wir vielleicht schon alle an der Grenze unserer Kräfte sind, noch. einmal zu sagen: "Wir können es schaffen und wir müssen es schaffen".

(MV): Aus der praktischen Sicht des Impfplans, wer wird geimpft und wer nicht? Wir haben es schon in anderen Ländern gesehen, wie z.B. in Israel, ob sie nun aus Israel sind oder nicht. Oder in den Vereinigten Staaten, wo man sich einfach impfen lassen kann. Und wie ist es hier, muss man österreichischer Staatsbürger sein? um eine Impfung zu bekommen? Welches Prinzip wird bei der Impfung berücksichtigt, denn viele Menschen haben keine österreichische Staatsbürgerschaft, zum Beispiel Flüchtlinge?

(FM): Alle in Österreich lebenden Menschen, die hier sozusagen offiziell registriert sind, haben die Möglichkeit, sich impfen zu lassen.

(MV): Wie können wir die Menschen zu diesen Informationen einladen? Wir wissen, dass die Sprache auch eine große Maßnahme für eine gesunde Integration ist. Manchmal kommunizieren wir mit einem Akzent und werden nicht verstanden. Aber trotzdem ist die Sprache sehr wichtig, was können wir tun, um uns hier zu verbessern?

(FM): Wir haben viele Beispiele und viele Angebote. Wir haben Sprachkurse, in Präsenz oder online. Auf unserem Sprachportal werden Materialien für die unterschiedlichen Sprachniveaus angeboten, hier kann der Großteil der Deutschlern-Materialien kostenlos heruntergeladen werden. Es gibt Beispiele, es gibt Videos, es gibt also eine riesige Menge. Und selbst wenn jemand sagt, nein, wir wollen das alles nicht, dieses Online-Ding ist nicht meins. Gibt es “Treffpunkt Deutsch”. Hier treffen sich Menschen, freiwillige Personen, Ehrenamtliche, die Menschen, die zugewandert sind, die Deutschsprache beibringen. “Treffpunkt Deutsch” findet meist abends statt, damit es die Leute noch nach der Arbeit in Anspruch nehmen können. Das funktioniert ganz gut.

(RS): "Treffpunkt Deutsch" ist derzeit auch online. Es gibt das Projekt in allen Bundesländern und, was sehr wichtig ist, er ist nicht nur für Deutschlernende, sondern auch für Leute, die sagen: Ja, ich kann schon Deutsch (mindestens auf dem Sprachniveau B1) und möchte das weitergeben. Es ist freiwillig, wenn jemand ehrenamtlich tätig sein möchte. Wenn jemand sagt, ok, ich würde gerne ZuwanderInnen helfen Deutsch zu lernen. Das ist auch, um die Leute zu ermutigen, wirklich Deutsch zu sprechen. Der Schwerpunkt liegt neben dem regulären Deutschkurs auch auf der Konversation. Informationen finden Sie auf der Website.

Robin Sarah Ströhle, stv. Leiterin Team Öffentlichkeitsarbeit -   Österreichischer Integrationsfonds (Foto: Eva Messerer & Lobsang Taramona)
Robin Sarah Ströhle, vom Team der Öffentlichkeitsarbeit des Österreichischen Integrationsfonds (Foto: Eva Messerer & Lobsang Taramona).

(MV): Das ÖIF ist eine Organisation mit riesigen Projekten, aber was mich am meisten fasziniert ist die Thematik Frauen. Ich glaube, dass bedauerlicherweise die Kriminalität gegen Frauen in unserer Stadt wächst. Das ist ein Thema, das mich sehr, sehr berührt. Der ÖIF hat sehr viele Angebote, um Frauen im Land zu unterstützen. Zum Beispiel diese geniale Förderung für Unternehmerinnen. Wie funktioniert die Frauenförderung? Wie ist die Hilfsstruktur?

(FM): Ja, das Thema Frauenförderung war schon immer sehr wichtig. Aber natürlich haben sich jetzt, in Zeiten von Corona, viele Herausforderungen für uns und mein Geschlecht ergeben. Gerade auch die häusliche Gewalt ist irgendwie größer geworden. Leider. Deshalb gibt es für Multiplikatorinnen Seminare, wie sie vielleicht schon gesehen haben, es gibt spezielle Austauschtreffen für Frauen. Es gibt auch Coachings. Wenn sich die Situation mit dem Corona bessert, wird es sie natürlich auch in physischer Form geben, dann gibt es „Frauen-Café“, wo sich auch Frauen mit Migrationshintergrund treffen und austauschen, und das Ganze ist gebündelt in einem Team, direkt in der Struktur, wie ihr sagt, gibt es das Team „Frauenförderung“, das speziell dafür zuständig ist, dass Frauen in den Communities alle möglichen Informationen bekommen, dass sie sich weiterentwickeln können und dass sie einfach einen Ort und eine Anlaufstelle haben, zu der sie gehen können, wenn sie ein Anliegen haben. Seien es jetzt die Kinder, die Bildung, der Beruf. Also alle möglichen Programme, wo sie unterstützt werden können, zum Beispiel auch durch Mentoring für Migrantinnen. Da können Menschen mit Migrationshintergrund, die am Arbeitsmarkt noch nicht Fuß gefasst haben, ins Programm einsteigen. Sie bekommen wiederum einen Mentor oder eine Mentorin. Und auch da schaut man, dass man sich in den Arbeitsmarkt integriert, dass sie eine Ausbildung bekommen, dass sie ein Netzwerk aufbauen können. Das sind wirklich enorm viele Dinge, dass Menschen mit Migrationshintergrund gefördert werden und natürlich auch Frauen.

(MV): Muss man sich anmelden? Wie ist das Prozedere von Förderungen?

(FM): Die Anmeldung kommt natürlich auf den Bereich an. Für MultiplikatorInnen-Seminare kann man sich über die Homepage anmelden und dann ist man schon dabei. Wenn ihr von Förderungen sprecht, dann gibt es ja Förderaufrufe, die der ÖIF immer wieder zu einem thematischen Schwerpunkt startet. Wir hatten auch einen großen Frauenschwerpunkt und gegen Gewalt an Frauen. Da können sich dann zahlreiche Projekte und Institutionen bewerben und so ist z.B. auch das Projekt „Gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ entstanden. Die große orangene Broschüre, eine Kooperation mit dem Roten Kreuz und mit FEM Süd. Wir machen das also auch nicht alleine, sondern wir holen uns die großen Player in diesen Bereichen und schauen, dass wir dadurch noch mehr Menschen erreichen.

(MV): Es gibt ein Programm nur für Männer. Allerdings wäre viel notwendiger, das wir Männer auch uns involvieren. Ich bin der Meinung, dass Frauen diesen Gleichberechtigungskampf ewig führen werden, wenn wir nicht an ihrer Seite stehen. Es geht nicht darum Feministin aber wir können Alliierte in ihrer Welt sein und ich glaube, diese Programme sind ganz genial. Das viele unserer Kinder in der Schulen auf ein besseres Frauenbild, auf Gleichberechtigung und Geschlechtergleichheit schauen.

(FM): Da geben wir uns wirklich viel Mühe gerade bei „ZUSAMMEN:ÖSTERREICH“, weil wir da natürlich auch Sachen erleben. Also ich werde ja auch oft gefragt. Du bist ja aus dem Kosovo, woher ist dein Freund? Nun sage ich: „Nicht aus dem Kosovo“. Ist das okay für deine Eltern? Das kommt oft von den Burschen der Klasse. Umso wichtiger ist es auch, den Burschen in der Klasse zu zeigen: „Schau, es gibt starke Frauen, sie können Geschäftsfrau, Mutter, Ehefrau, Partnerin sein. Sie können alles sein. Und es ist schön, wenn du jemanden hast, der dich genauso unterstützt“, das muss man so sehen. Am Ende des Tages unterstützt man sich gegenseitig.

María Taramona, directora de la revista CulturaLatina enfatiza que el proyecto
Maria Taramona, Direktorin des Magazins CulturaLatina betont, dass das Projekt „ZUSAMMEN:ÖSTERREICH“ verpflichtend gemacht werden sollte, auch für soziale Projekte des AMS (Arbeitsmarktservice). (Foto: Eva Messerer & Lobsang Taramona).

María Taramona (MT): Vor Jahren hatte der ÖIF mehr Angebote für AusländerInnen. Heute gilt das Angebot nur noch für Flüchtlinge. Vielleicht liege ich falsch, aber das ist es, was ich von anderen Leuten gehört habe. Vielleicht ist diese Aufmerksamkeit gegenüber Ausländern ins Hintertreffen geraten, weil es so viele AsylwerberInnen in Österreich gibt, ist das so?

(FM) Nein, ich glaube einfach, nach einiger Zeit ist man ein Teil von Österreich und dann braucht man diese Unterstützung vielleicht gar nicht mehr. Aber natürlich hab ich keine Statistik dazu. Was ich nur sagen kann ist, der Österreichische Integrationsfonds ist ja in einem Gesetz verankert und da ist unsere Zielgruppe klar definiert. Vielleicht liegt es auch daran, dass es wirklich viele Programme gibt, wie “Mentoring für Migrantinnen”, das nicht nur für Asylberechtigte ist, sondern für Menschen aus allen Ländern genauso “Treffpunkt Deutsch” oder “ZUSAMMEN:ÖSTERREICH”.

(MT): Nicht nur der ÖIF hat Ausländer vernachlässigt, sondern auch andere Organisationen und das verstehe ich gut. Natürlich gibt es viele Flüchtlinge und das Problem in Syrien ist sehr ernst, daher hat es Priorität.

(MT): Wie würden Sie die Zielgruppe von "ZUSAMMEN:ÖSTERREICH" beschreiben, sind das alles AusländerInnen oder auch ÖsterreicherInnen?

(FM): Total bunt gemischt. Es gibt Schulen mit null Migrationshintergrund. Das heißt, wir haben eigentlich keine Schüler, deren Eltern oder Großeltern aus einem anderen Land kommen. Und dann gibt es natürlich an Orten wie Wien eine bunte Mischung. Mit bunt meine ich, dass es sich um Kinder von Gastarbeitern handeln kann, aber auch um Menschen aus Ländern, an die man nicht denken würde. Vor allem England, Spanien, Italien, aber es können auch Kinder von Flüchtlingen sein. Es ist immer eine Mischung. Für uns spielt es keine Rolle, woher sie kommen. Wir wollen sie alle gleichermaßen in dem Land motivieren, in dem sie jetzt leben. Österreich, so ein schönes Land mit so vielen Möglichkeiten, sie zu motivieren und ihnen zu sagen, nur weil eure Eltern nur die Pflichtschule haben, heißt das nicht, dass ihr das auch machen müsst. Ihr könnt so viel mehr erreichen, ihr könnt als Frau vieles erreichen.

 

ÖIF y latinoamericanos
Fitore Morina, Robin Sarah Ströhle, Maria Taramona und Marcos Valenzuela diskutieren verschiedene Themen im Zusammenhang mit der Förderung der Integration der lateinamerikanischen Community in Österreich. (Foto: Eva Messerer & Lobsang Taramona).

(MT): Wie alt sind diese SchülerInnen?

(FM): Ab 12 Jahren nach oben hin gibt es keine Grenze. Wenn ich mir alle Schulbesuche anschaue, dann sind sie 13, 14, 15 so in dem Alter.

(MT): Was ist mit den Jugendlichen, die es nicht geschafft haben, sich zu integrieren? 13- bis 20-Jährige, die sich nie integriert haben, weil sie in der Schule gemobbt wurden oder weil sie nicht so intelligent waren, weil sie Legastheniker waren oder Konzentrations- und/oder Lernprobleme hatten? Bleiben sie auf der Strecke?

(FM): Nein, das möchte ich ja sagen. Wir möchten die Jugendlichen nie als Opfer darstellen, sondern wir möchten ihnen für den Weg mitgeben. Sie alleine sind für ihr Schicksal verantwortlich. Es gibt viele Rahmenbedingungen, die nicht gut sind. Ich kann nur mein Leben als Beispiel nehmen. Ich bin im Kosovo geboren worden und meine Eltern sind nach Österreich geflüchtet. Ich war die ersten sieben Jahre meines Lebens in einer Flüchtlingsunterkunft. Da habe ich in einem Minizimmer geschlafen. Ich habe die Kleidung meiner Klassenkameradinnen bekommen. Schreckliche Geschichte. Zum Beispiel musste meine Mutter die Milch mit Wasser verdünnen, damit sie Milch für mich hatte. Meine Eltern haben nur eine Pflichtschule besucht. Mir konnte keiner Deutsch beibringen. Niemand bei den Hausübungen helfen, so viele Sachen, wo ich hätte sagen können, Blöd. Ich falle im System durch. Aber es gab immer Menschen in meinem Leben, die gesagt haben: „Du kannst es schaffen, egal was die anderen sagen“, und genau das sagen wir bei den Schulbesuchen. Du wirst gemobbt, das ist natürlich nicht gut, aber mach einfach was aus deinem Leben!

(MT): Warum machen Sie die „ZUSAMMEN:ÖSTERREICH“-Besuche nicht bei jungen Menschen (von AMS Jugendliche), die sogar psychische Probleme haben. Auch sie brauchen diese Unterstützung, und sie sind immer noch AusländerInnen.

(FM): Wir werden von Schulen gebucht.

(MV): Das funktioniert so: Die Schule kontaktiert "ZUSAMMEN:ÖSTERREICH". Sie sagen: „Wir haben ein Integrationsproblem“ oder „Wir können mit der Integration innerhalb der Klasse nicht umgehen“ und so werden die passenden Personen geschickt.

(FM): Es muss aber nicht immer ein Problem sein, ganz und gar nicht. Es gibt auch Klassen, die sagen, wir haben in der Klasse nur eine Person mit Migrationshintergrund, aber wir haben viele Vorurteile in der Klasse. Es steht doch ganz groß bei uns am Banner oben „Vorurteile abbauen, Motivation schaffen“. Es kann aber auch sein, dass wir von einer Schule kontaktiert werden, die z.B. sagen: Wir haben in der Klasse viele Mädchen aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Serbien, Kroatien, Kosovo und Bosnien. Und die möchten Polizistinnen werden, aber sie glauben nicht an sich. Dann kommen wir in die Schule mit Polizistinnen aus diesen Ländern und zeigen ihnen, dass es möglich ist und die Integrationsbotschafterinnen wiederum erzählen ihre Geschichte. Es war ja nicht einfach, du kriegst ja nichts auf dem Silbertablett geliefert, sondern es gibt Herausforderungen. Aber es gibt Chancen, die man einfach nutzen muss.

(MT): Frau Morina ich gratuliere Ihnen, weil Sie es geschafft haben. Aber es gibt viele Jugendliche, die es nicht geschafft haben, die nicht mehr in die Schule gehen, die stecken ganz fest in einem tiefen Loch. Deswegen meine frage: Gibt es die Möglichkeit, ein Projekt für solche Leute, also für Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahre so zu gestalten? Für diese Jugendlichen, die denken, sie können nichts im Leben tun und keine Hoffnung haben.

(FM): Natürlich ist es traurig. Da sind mir aber die Hände gebunden, weil „ZUSAMMEN:ÖSTERREICH“ richtet sich an Schulen in Österreich. Natürlich haben wir offene Ohren für Ideen, aber der ÖIF macht da wirklich sehr viel. Wir haben auch „Mentoring für MigrantInnen“ und für Lehrlinge. Also gerade diese Jugendlichen, die Sie ansprechen, die vielleicht in dem Schulsystem irgendwann durchgefallen sind, aber die dann doch etwas machen möchten. Neben der Lehre bekommen sie einen Mentor, jemanden, der sie begleitet. Es gibt schon einige Möglichkeiten. Das ist jetzt etwas, was wir ausprobieren. Wenn es gut funktioniert, kann ich mir schon vorstellen, dass der ÖIF es umsetzen wird.

(MT): Angeblich österreichische Kinder besuchen keine öffentlichen Schulen mehr. Diese österreichischen Kinder besuchen nur Privatschulen. Stimmt das?

(FM): Ich habe keine Statistiken davon, aber ich kann bestätigen, dass es total bunt durchgemischt ist. Ich war in vielen Schulen in Wien, es gibt überall österreichische SchülerInnen genauso welche mit Migrationshintergrund. Ich habe österreichische SchülerInnen in allen Schulformen gesehen. Und ich war wirklich im Gymnasium, der Neue Mittelschule, Polytechnische Schule, Wirtschaftsfachschule und Berufsschule unterwegs, und es war immer gemischt.

(MT): "ZUSAMMEN:ÖSTERREICH" sollte nicht nur auf Abruf, sondern als fixes Gesetz durchgeführt werden, denn viele Jugendliche, die nicht mehr in die Schule, sondern in diverse AMS-Projekte gehen, brauchen diesen Anstoß fürs Leben. Und nicht nur das: Viele Schüler sagen nicht, ob sie gemobbt werden oder ob sie ein soziales Problem haben. Diese Besuche und Gespräche sind eine Notwendigkeit.

(FM): Ich würde mir natürlich auch wünschen, dass wir in einem Gesetz verankert werden. Das bedeutet, dass wir alle Schulen in ganz Österreich besuchen können. Diese Situation haben wir noch nicht. Aber dennoch erreichen wir wirklich viele Schülerinnen bisher mehr als 75000.

Maria Taramona, directora de la revista CulturaLatina:
Maria Taramona, Leiterin des Magazins CulturaLatina: „Der ÖIF sollte nicht darauf warten, dass die Schulen ihn rufen, um eine Botschaft der Integration zu verbreiten, das Programm „ZUSAMMEN:ÖSTERREICH“ sollte in allen Schulen und Zentren, in denen es Gruppen von isolierten Ausländern gibt, verpflichtend sein“. (Foto: Eva Messerer & Lobsang Taramona)

(MT): Stellen Sie sich vor, hier sitzt ein junges Mädchen mit Migrationshintergrund, 14 Jahre alt, sie ist traurig, weil sie Schwierigkeiten mit ihren Mitschülern hat, aber sie geht trotzdem zur Schule. Was wäre Ihre persönliche Empfehlung oder Botschaft an sie?

(FM): Man muss immer ehrlich sein. Man muss ansprechen, dass es Herausforderungen gibt, weil nur zu sagen „Du schaffst alles“, „Mach es nur“, das wird ihr so nicht helfen. Was ich Jugendlichen immer sage ist: „Schau, es gibt immer Momente in deinem Leben, da wirst du dich fragen warum du das jetzt machst. Du wirst dich fragen, wer dir helfen kann. Aber es wird dann auch der Tag kommen, wo du denkst, „Oh mein Gott, das war wirklich so?“, „Warum war ich so traurig?“. Es hat sich alles erledigt. Bleib am Ball, steh wieder auf egal was passiert!

Bei mir war es ja auch so. Aber so ist das Leben. Man muss ehrlich kommunizieren. Es werden einem Steine in den Weg gelegt. Es wird natürlich auch Niederschläge geben. Aber einfach wieder aufstehen, weitermachen und das ist ja das Wichtigste, was man ihnen mitgeben kann. Ich finde es wirklich immer schön zu kommunizieren. Das Leben bringt Herausforderungen, aber auch Chancen. Und es ist einfach wichtig, dass sie es wissen. Sie schauen uns immer an und glauben, wir hatten das beste Leben. Die IntegrationsbotschafterInnen, jeder Mensch, jeder erwachsene Mensch hat doch alle Mal irgendetwas erlebt. Ich wurde gemobbt, weil ich blaue Haare hatte, ich war die Komische in der Klasse, die in der Bahn Musik gehört hat und grüne Wimpern hatte. Dann war ich natürlich in der Klasse eine Außenseiterin. Aber trotzdem habe ich es geschafft. Ich hatte dann später Freunde und Leute gefunden, die diese Musik auch hörten. Es ist so schön. Man findet andere Menschen, die irgendwie gleich sind, die gleiche Interessen haben und das muss man den Jugendlichen auch immer sagen. Die Schule ist nicht dein ganzes Leben. Du hast außerhalb der Schule Freunde, deine Familie, du hast ein Umfeld. Was in der Schule ist, definiert dich nicht. Das gleiche gilt für uns im Beruf. Wenn wir einmal einen schlechten Tag in der Arbeit haben, heißt das nicht, dass wir auf allen Ebenen versagt haben. Wir sind trotzdem tolle Menschen, tolle Freunde, tolle PartnerInnen, Mütter, etc, und das muss man ihnen mitgeben.

(MT): Jetzt sitzt hier das gleiche Mädchen, aber 5 Jahren später, sie hat die Schule abgebrochen, sie ist depressiv. Sie passt nicht in ein gesellschaftliches Schema. Sie ist z.B. in einem AMS Projekt und weiß nicht, was sie mit ihrem Leben machen soll. Was wäre ihre Botschaft an sie?

(FM): Wahrscheinlich würde ich eine Mentorin, ein Vorbild, empfehlen, weil das heißt sie hat ihren Weg verloren. Klingt sehr poetisch, aber sie ist vom Weg abgekommen und dann braucht es wahrscheinlich eine Person die sie unterstützt. Vielleicht konnten es die Eltern nicht. Gar nicht, weil sie es böse gemeint haben, sondern es gibt viele Gründe. Aber das ist einfach mein Tipp. Ich würde wahrscheinlich versuchen, eine Mentorin für sie zu sein. Deswegen gibt es „Mentoring für MigrantInnen“. Das steckt im Namen schon drinnen. Wir haben gemerkt, die Menschen brauchen, gerade wenn sie am Tiefpunkt sind, eine Person, die regelmäßig für sie da ist und die auch unterstützt. Das wäre mein Ansatz sie zu unterstützen, mit ihr Bewerbungsunterlagen anzuschauen und Bewerbungen zu machen. Über das Psychologische ist schwer zu urteilen. Depression ist einfach ein großes Thema, da braucht es professionelle Hilfe.

Marcos Valenzuela:
Marcos Valenzuela: „Die Latino-Gemeinschaft ist sehr vernetzt und es ist gut zu spüren, dass wir zusammen sind“. (Foto: Eva Messerer & Lobsang Taramona)

(MV): Übrigens heißt es immer, solange die Person auch bereit ist, einen kleinen Schritt zu machen, dann existiert Hoffnung für diese Person. Eine Verbesserung von der eigenen Situation, die Verantwortung, das eigene Leben zu leben, kann ihm sein Gegenüber nicht abnehmen, den Integrationsprozess auch nicht. Das sind Entscheidungen, besonders wenn man erwachsen wird, die man selbst tragen sollte. Aber man kann eine betreute Person haben. Man muss das Leben nicht alleine leben. Wenn man sich entscheidet, alleine zu leben, wird es schwer. Wenn wir zusammen sind, finden wir schneller Lösungen und können viel rascher agieren.

Die Redaktion der Zeitschrift CulturaLatina, ihre Direktorin María Taramona und der Integrationsbotschafter Marcos Valenzuela hoffen schließlich, dass mit diesem interessanten Bericht viele Fragen zum Thema Integration geklärt werden können. Und wenn Sie Fragen oder Anregungen haben, können Sie uns schreiben an: redaktion@culturalatina.at  mit dem Betreff: "Integration". Natürlich empfehlen wir Ihnen, sich an die Profis des ÖIF zu wenden. ❦

María Taramona, Carlos Valenzuela, Fitore Morina y Robin Sarah Ströhle. (Foto: Eva Messerer & Lobsang Taramona).
Maria Taramona, Carlos Valenzuela, Fitore Morina und Robin Sarah Ströhle im Besprechungsraum des ÖIF. (Foto: Eva Messerer & Lobsang Taramona).
Letzte Änderung am Donnerstag, 10 Juni 2021 16:15

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