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Samstag, 10 April 2021 13:08

Marcela Turati: Mutige journalistische Arbeit aus Mexico

Von Interview: ©Bookaccion/Alejandro Boucabeille · Edición & Übersetzung ES-DE: ©CulturaLatina
Mexikanische Journalistin Marcela Turati © Ginette Riquelme

Marcela Turati hat ausführlich über Themen im Zusammenhang mit Gewalt, verschwundener Menschen und Menschenrechtsverletzungen in Mexiko berichtet.

Marcela Turati geboren 1974 in Mexiko-Stadt, ist eine im In- und Ausland anerkannte mexikanische Journalistin. Sie hat sich vor allem der Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen und den zahlreichen Opfern der Gewalt des Krieges gegen den Drogenhandel in Mexiko verschrieben. Sie gehört zur Gruppe der Gründungsjournalisten des Netzwerks Periodistas de a Pie, die die Stärkung regionaler unabhängiger Medien und die Zusammenarbeit, Begleitung, den Schutz und die Ausbildung von Journalisten im ganzen Land fördert. Vor zwei Jahren gewann Marcela Turati unter anderem den Gabriel García Márquez-Preis für Journalismus.

Wie geht es dir jetzt während der Covid-19-Pandemie in Chihuahua?

Es ist furchtbar heiß hier. Um halb acht in der Früh kann man nicht mehr die Straße entlang gehen, weil die Sonne bis halb sieben oder sieben abends herunterbrennt. Es ist ganz anders als in Mexiko-Stadt, wo die Angst vor der Epidemie gelebt wird. Hier in Chihuahua sind die Leute ziemlich entspannt, man geht immer noch auf die Straße aber trifft kaum Leute.

Die Anzahl der Vermissten ist beeindruckend. (Foto: ©Marcos Vizcarra)
Die Anzahl der Vermissten ist beeindruckend. (Foto: ©Marcos Vizcarra)

Woher kam das Interesse am Journalismus und die Entscheidung an der Universidad Iberoamericana (Ibero) zu studieren?

Nun, ich habe den Journalismus bereits entdeckt, als ich bei Ibero, während einer Reise in die Sierra Tarahumara, Kommunikation studierte. Ich wusste nicht wirklich, was ich im Leben tun wollte, so meldete ich mich an der Ibero an, weil es eine Jesuitenuniversität war. Ich wurde immer in religiösen Schulen unterrichtet. Als ich in Mexiko-Stadt das Subsystem für Journalismuskommunikation studierte, waren u.a. die Unterrichtsfächer Radio, Journalismus und Fernsehen, wobei ich mich in Journalismus verliebte. Radio gefiel mir auch sehr, aber es stellte sich heraus, dass ich gut für Journalismus war. Wir begannen mit einer lokalen Zeitung in der Schule, die zwei sehr gute Artikel hatte und manchmal an traditionelle Zeitungen weitergegeben wurden, weil wir gut recherchierten. Als ich meinen Abschluss machte, lud mich einer meiner Professoren ein, bei der Reforma-Zeitung zu arbeiten. Seitdem ist der Journalismus in meinem Herzen und er ist es auch weiterhin.

Wie gehst du mit all den starken Emotionen um, die du erlebst, die du siehst und in deinem Alltag hörst?

Ich arbeite viel mit dem Thema über verschwundene Menschen und Journalisten, die bedroht oder getötet wurden. Im Allgemeinen befasse ich mich mit Tragödien und Menschenrechtsverletzungen. Es liegt in meiner Verantwortung, diese Zeugenaussagen ständig zu verfolgen. Obwohl ich nicht mehr so ​​viel schreibe, koordiniere ich Projekte, zu denen ich andere Journalist*innen einlade, damit wir gemeinsam ein Thema beleuchten können. Die Themen können geheime Gräber in Mexiko, Morde an Journalist*innen oder Einwohner*innen von Ayotzinapa sein. Ich schreibe gerade über die forensische Krise, überfüllte Leichenschauhäuser, falsch gemachte Ermittlungen und über Massaker, auch an Migranten. Dies sind die Themen, denen ich mich sehr gewidmet habe.
Jetzt machen wir Podcasts. Es gibt fünf Podcasts über Gruppen von Müttern, die nach ihren vermissten Kindern suchen. Wir schauen uns an, wie wir dies in erzählender Form darstellen können, da wir alle Reporter*innen für Druckmedien sind. Wie setzen wir das in Audio um, was wir jeden Tag tun? Mal sehen, wie es funktioniert. In Zukunft möchte ich auch wieder schreiben und meine eigenen Projekte machen.

Protest des Journalistenkollektivs für Frieden und Meinungsfreiheit. (Foto: Melva Frutos)
Protest des Journalistenkollektivs für Frieden und Meinungsfreiheit. (Foto: Melva Frutos)

Was ist dir wichtig und in welcher Situation befindest du dich derzeit?

Die Projekte, an denen ich gerade arbeite, sind kollaborativ und multimedial, es sind keine Bücher. Ich bin sehr gespannt darauf, was wir schaffen. Zum Beispiel haben wir 2018 eine Website gegründet, die sich ausschließlich mit dem Verschwinden befasst. Ein Netzwerk von Journalist*innen im ganzen Land, die sich diesem Thema widmen und zu Gräber gehen. Dies nennt man „Wohin gehen die Verschwundenen?” Während dieses Projekts wurde mir klar, dass ich emotional einen Zusammenbruch hatte, es war der Moment, in dem ich aufhören musste. Sehr starke und harte Fakten. Ich entdeckte die Auswirkungen auf mich selbst und auf die anderen. In gewisser Weise hatte ich die Mittel zu gehen. Ich bekam eine Einladung zur Universität und erhielt ein Stipendium, um für drei Monate in die Vereinigten Staaten zu gehen. Aber es gibt viele Journalist*innen, die nicht so einfach herauskommen können. Daher war mir die Schaffung von Journalist*innen Netzwerken immer sehr wichtig. Ich bin sehr engagiert, auf die Sicherheit meiner Kolleg*innen zu achten. Meine Ambitionen sind, dass wir als Journalist*innen besser behandelt und bezahlt werden, dass wir mehr Schulungen haben, unsere Arbeit fortsetzen und wichtige Nachforschungen anstellen können.
Abgesehen davon schreibe ich zwei Bücher, die ich gerne eines Tages fertigstellen möchte. Sie sind aus psychischen Gründen zurückgesetzt worden, ich konnte sie nicht fortsetzen.

Können wir mehr über diese Bücher erfahren?

Eines ist über Massaker an Migranten. Es ist etwas, das mich ständig beschäftigt, da ich acht Jahre lang über dieses Thema berichtete. Ich habe viel recherchiert. Ich war festgefahren, weil ich den Schrecken meiner Berichte nicht erzählen konnte. Ich hatte das Gefühl, ich sollte ein Buch schreiben, aber der Schmerz und die Straflosigkeit... es ist eine Reise durch die Mechanismen der Straflosigkeit in Mexiko, um zu verstehen, was hinter einem Massaker steckt. Ich denke die ganze Zeit über das Buch nach und wen ich noch interviewen muss. Es sind viele Jahre, viele Interviews in verschiedenen Ländern und Erfahrungen von allem, von Ängsten, von emotionalen Ängsten, von dem Gedanken, dass ich nicht mehr kann.
Das andere Buch ist die Biographie einer indigenen Frau, die ich sehr bewundere. Ich habe viele Monate mit ihr gearbeitet und sie hat mir von ihrem Leben erzählt. Sie lebt in La Montaña, Guerrero. Wir sind comadres, ich bin die Taufpatin ihres Sohnes. Aber auch dieses Buch habe ich nicht weiter geschrieben.

Marcela Turati bei einem der Tatorte. (Foto: Melva Frutos)
Marcela Turati bei einem der Tatorte. (Foto: Melva Frutos)

Was können wir uns unter diesen Problemen vorstellen? Morde an zentralamerikanischen wie mexikanischen Migrant*innen, aber auch an Journalist*innen. Was hast du diesbezüglich herausgefunden und warum geschehen diese schrecklichen Taten in Mexiko?

Es gibt keine Zahl und wir wissen nicht, über wie viele wir sprechen. Weil wir nicht wissen, wie viele Migrant*innen in Mexiko verschwinden oder getötet werden, ist es sehr schwierig sie aufzuspüren. Die Familien wissen, dass er oder sie verloren gegangen ist, weil die Person aufgehört hat zu kommunizieren. Das kann zwischen Honduras, Guatemala, Mexiko oder den Vereinigten Staaten passiert sein. Sie wissen nicht welche ​​Strecke sie genommen haben und wann, noch wissen sie was passiert ist. Wie kann man das erklären? Nun, es gibt mehrere Erklärungen. Kriminelle Gruppen ohne Kooperationen und Beziehungen zum Staat in Mexiko existieren nicht, weil immer Behörden beteiligt sind, die ihnen erlauben zu operieren. Es gibt immer diese Verbindung. Im Allgemeinen erzielt jemand Profit aus einer kriminellen Gruppe, die tätig ist. Gewinne aller Art: wirtschaftliche, politische oder sogar Wähler-Manipulation.

Sicherheit und Gebietskontrolle sind andere Profite. Diese Gruppen haben eine Steuerlogistik des Territoriums und der Menschen, auf dem sie ihre Ware, Drogen, aber auch Menschen, verkaufen, handeln und verteilen können. Daraus bekommen sie das Geld oder sie diversifizieren das Geschäft. Sie produzieren und verkaufen nicht nur Drogen, sondern handeln auch mit Waffen, Migranten, Frauen, Entführung und Erpressung. Zeitweise führen sie mit anderen Gruppen Krieg. Deshalb rekrutieren sie gewaltsam Leute. Manchmal töten sie, nur weil sie dich sehen und sagen: „bestimmt bist du einer aus einer anderen verfeindeten Gruppe, die dich bereits rekrutiert hat”. Dies geschah in San Fernando in Tamaulipas. Sie bekamen die Warnung, dass sie Michoacanos und Mittelamerikaner rekrutierten, und sie hielten Wochen.-, ich würde sagen Monatelang Busse an, um alle Männer, die verdächtig schienen zu töten. Einige werden für ihre Kriegsführung rekrutiert und andere werden getötet. Es gibt Massaker. Manchmal geht es darum, Nachrichten an die Gegner durch verstümmelte Körper zu senden, um ihnen zu zeigen, dass dies nicht mehr ihr Territorium ist. Diese Leute sehen Menschen nicht als Menschen, sondern als Abfall, als Ware.

Als Mittel um eine Nachricht zu senden. Und so kann man einen Leichnam sehen. Von wem? Von einem Migranten. Deshalb wissen wir nicht, wie hoch die Zahl ist, aber wir wissen von der Grausamkeit. Einige Überlebende die fliehen konnten erzählten uns, was mit ihnen passiert ist. Nur sehr wenige schaffen es zu fliehen.

Die Welt hat sich daran gewöhnt, dass Migranten getötet werden oder daran, dass jemand aus Lust ermordet wird. Aber auch, nur weil er oder sie ein Autokennzeichen aus einem anderen Bundesstaat wie Chihuahua, Sinaloa oder Michoacán hat, denken sie, dass er oder sie zu einem anderen Kartell gehört. Sehr absurde Dinge werden erlaubt. Hier kann man sehen, dass dies nicht ohne Mitschuld geschehen kann, ohne dass alle involviert sind und ihren Gewinn haben. Denn wenn wir alle den Wunsch hätten, uns um Personen und das menschliche Leben zu kümmern, hätten die Politiker*innen bei der ersten Busentführung Maßnahmen gesetzt, die die Menschen gewarnt hätten, dass diese Straße gefährlich ist. Wir sehen, dass es in Mexiko seit Monaten und Jahren Orte gibt, die man meiden sollte, aber die Leute werden nie gewarnt. So ist es geschehen, dass 43 Personen verschwunden sind, die 43 Schüler aus Ayotzinapa.

In Iguala verschwanden immer Menschen. Es wurden 250 Personen vermisst, die von Polizisten entführt wurden, die für die Drogenhändler arbeiten, also Drogenhändler als Polizisten. Man weiß nicht mehr, wer wer ist. Plötzlich merkten die Leute, dass etwas geschieht. Aber zuvor hatten sie bereits 62 Migranten getötet. Gräber wurden mit 200 Migranten gefunden, und ich weiß nicht mehr, wie viele es in der Vergangenheit waren.
Die Politik des Staates ist die Straffreiheit Alles ist geregelt Es gibt einen Mechanismus, um nie erfahren zu können, wer es getan hat. Die Behörden sind immer im Hintergrund. Für mich war es ein Erwachen. Du musst nur nachforschen und du wirst immer auf Behörden treffen, die es decken, zugelassen oder bestellt haben, um dies zu realisieren. Die Unschuld verlieren und es sagen wollen: Wie erzähle ich das? Das ist die ganze Herausforderung und wie beweise ich das? Nun, ich bin Journalistin und wie kann ich das sagen ohne getötet zu werden. Ohne den Ort verlassen zu müssen, an dem ich lebe. Deshalb ist es so wichtig, mit lokalen Journalist*innen zusammenzuarbeiten, um zu beurteilen, wie, mit welchen Allianzen oder unter welchem ​​Namen und Titel oder sogar in welchem ​​Jahr, du es veröffentlichst. In Mexiko ist es sehr schwierig.

Protest des Journalistenkollektivs für Frieden und Meinungsfreiheit. (Foto: Melva Frutos)
Protest des Journalistenkollektivs für Frieden und Meinungsfreiheit. (Foto: Melva Frutos)

Wie kannst du die von dir erwähnten Mechanismen entschlüsseln? Und darüber schreiben, ohne dich selbst zu zensieren? Ein Gleichgewicht erreichen, in dem du gewisse Sicherheit hast und in dem du diese Grässlichkeiten veröffentlichst, um andere Versionen als die Offizielle zu zeigen.

Es ist schwer. Es gibt viel Kritik an Journalist*innen. Als ob wir viel mehr tun müssten, um dies zu berichten. Ja, es gibt eine frivole Presse. Dieses Land hat Journalist*innen viel zu verdanken. Besonders investigativem Journalismus, der aus den Regionen, lokal und von schlecht bezahlten Reporter*innen gemacht wird, die Tag für Tag über ein Thema berichten. Viel wird kritisiert, dass Journalist*innen nur die Hinrichtungen der Toten zählen. Ich bin den Journalist*innen dankbar, die die Toten in Ciudad Juárez zählen. Es gibt Ortschaften, an denen es nur unter Lebensgefahr möglich ist.

Es gab Journalist*innen, die verschwunden oder getötet wurden. So im Fall des Reporters Sergio Landa, der einen Artikel über einen Mord veröffentlichte, dessen Berichterstattung verboten war, er es aber nicht wusste. Sie haben ihn geholt und jetzt wird er vermisst. Sowie eine Reporterin in Michoacán, die über ein Haus eines Bürgermeisters schrieb, in dem Leute Drogen nahmen und sie ist jetzt auch verschwunden. Wir haben Journalist*innen in Mexiko viel zu verdanken. Es gibt Journalist*innen, die diese Daten noch analysieren, recherchieren und anfangen die Zusammenhänge zu erkennen. Sie können nicht immer ihre Berichte veröffentlichen, aber vielleicht verlangen wir zu viel, weil es einen ganzen Apparat gibt, der offizielle Lügen verbreitet, der sogar falsche Beweise und falsche Informationen sät. ♠

Auf der Suche nach Spuren. (Foto: Mirial Pascual Jiménez)
Auf der Suche nach Spuren. (Foto: Mirial Pascual Jiménez)

Über Alejandro Boucabeille 

Alejandro Boucabeille
Alejandro Boucabeille

Franco-Mexikaner, Autor, Fachübersetzer, sozialer und kultureller Unternehmer. Seine Aktivitäten verbinden Journalismus, Schreiben und Lehrtätigkeit. Seine Themen, sowohl im akademischen als auch im kulturellen und literarischen Bereich: Migration, Anthrozoologie, Leadership, Emotionen, Sport, u.a. Master in Reisejournalismus an der Autonomen Universität Barcelona (UAB), Master in Geschichte und Bachelor in Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck, Postgraduiertenstudium „Europäische und politische Studien“ am Europakolleg in Brügge, Belgien. Er ist Doktorand in Geschichte und Philosophie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Österreich. Sein Ansatz versteht sich interdisziplinär und interkulturell. Er spricht Spanisch, Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch, Neugriechisch, Altgriechisch, Latein und Portugiesisch. Er betreibt mehrere soziale Kanäle, Podcasts wie „Bookaccion“ und Websites. Er begeistert sich für verschiedene Sportarten: Crossfit, Towerrunning, Klettern und Laufen. Nach seinen eigenen Aussagen ist er „ein Denker, ein Innovator und eine kulturelle Brücke, aber auch ein Weltbürger, ein Sozialbiologe: interessiert an praktisch allen Aspekten des Lebens und des Menschen“.

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Letzte Änderung am Sonntag, 11 April 2021 18:48

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