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Mittwoch, 25 Februar 2026 21:24

Ausstellung Alerta Amazônia: Wenn Stoffe sprechen und Widerstand gestickt wird

Von Redaktion / María Taramona
Dr. Werner Freistetter, Militärbischof für Österreich und verantwortlich für internationale Zusammenarbeit und Weltkirche innerhalb der Österreichischen Bischofskonferenz, während seiner Eröffnungsworte. Im Hintergrund Vertreter:innen von horizont3000: Klaus Ebenhöh, Kristina Kroyer und Thomas Vogel. Foto: Ivett Ángeles Litano

Die Ausstellung Alerta Amazônia - when fabric speaks, die in der Wiener Votivkirche gezeigt wird, verbindet textile Kunst mit sozial-ökologischer Kritik und politischem Engagement. Als Wanderausstellung konzipiert und von horizont3000 in Zusammenarbeit mit dem brasilianischen Movimento dos Atingidos por Barragens (MAB) sowie weiteren Partnerorganisationen umgesetzt, stellt sie die Arpilleras in den Mittelpunkt: textile Wandteppiche, die vor allem von Frauen aus Gemeinschaften geschaffen wurden, die von Klimakrise, Extraktivismus und groß angelegten Infrastrukturprojekten betroffen sind.

Die mit Stick- und Patchwork-Techniken gefertigten Arbeiten machen weibliche Perspektiven auf globale Ungerechtigkeiten sichtbar und erzählen von Erfahrungen von Verlust, Schmerz und Widerstand angesichts der Umweltzerstörung. Mehr als bloße Kunstwerke fungieren die Arpilleras als materielle Zeugnisse kollektiver Erinnerung und territorialer Kämpfe.

Die Eröffnung wurde von Kristina Kroyer, Programmkoordinatorin Brasilien bei horizont3000, moderiert. Sie hob den Wert des Projekts als Teil einer internationalen Zusammenarbeit hervor, die die Stimmen der unmittelbar betroffenen Gemeinschaften in den Mittelpunkt stellt. Die Ausstellung versteht sich dabei als kultureller und pädagogischer Raum für Dialog und kritische Reflexion.

 Alerta Amazônia - when fabric speaks. Foto: Ivett Ángeles Litano.
Dr. Werner Freistetter, Militärbischof für Österreich, rief dazu auf, angesichts der Umweltzerstörung eine ethische Verantwortung zu übernehmen.
Foto: Ivett Ángeles Litano.
 Alerta Amazônia - when fabric speaks. Foto: Ivett Ángeles Litano.
Kristina Kroyer, Programmkoordinatorin Brasilien bei horizont3000, moderierte die Eröffnung der Ausstellung Alerta Amazonia.
Foto: Ivett Ángeles Litano.
 Alerta Amazônia - when fabric speaks. Foto: Ivett Ángeles Litano.
Alerta Amazônia - when fabric speaks.
Foto: Ivett Ángeles Litano.
 Alerta Amazônia - when fabric speaks. Foto: Ivett Ángeles Litano.
Edson Krenak, indigener Aktivist, wies darauf hin, dass der Amazonas durch Abholzung und Extraktivismus seine Widerstandsfähigkeit verliert.
Foto: Ivett Ángeles Litano.
 Alerta Amazônia - when fabric speaks. Foto: Ivett Ángeles Litano.
Marcela Torres Heredia, Aktivistin und Forscherin, erläuterte Sticken und Nähen als historische Formen von Protest und Erinnerung in Lateinamerika.
Foto: Ivett Ángeles Litano.
 Alerta Amazônia - when fabric speaks. Foto: Ivett Ángeles Litano.
Eine Besucherin betrachtet Arpilleras der Ausstellung Alerta Amazonia, die die sozialen und ökologischen Folgen der Klimakrise sichtbar machen.
Foto: Ivett Ángeles Litano. 

Zwischen Glauben, Erfahrung und politischer Verantwortung

Die Ausstellung wurde mit einleitenden Worten von Dr. Werner Freistetter, Militärbischof von Österreich und verantwortlich für internationale Zusammenarbeit und Weltkirche innerhalb der Österreichischen Bischofskonferenz, eröffnet. In seinem Eröffnungsbeitrag stellte er einen persönlichen Bezug zur Ausstellung her, der auf einer früheren Erfahrung in Brasilien beruhte, insbesondere im Bundesstaat Minas Gerais – einer Region, die stark von Katastrophen im Zusammenhang mit Bergbau-Staudämmen betroffen ist. Freistetter beschrieb verwüstete Gebiete, die Kriegslandschaften gleichen, in denen ganze Gemeinschaften schwere menschliche, soziale und ökologische Verluste erlitten haben. Er hob die Widerstandskraft, den Mut und die spirituelle Stärke der betroffenen Menschen hervor, insbesondere der Frauen, und betonte die Rolle von Basisorganisationen, die sich aus dem Glauben heraus und durch gemeinschaftliches Engagement den Folgen eines Wirtschaftsmodells entgegenstellen, das von Gier und Missachtung der Schöpfung geprägt ist. In diesem Zusammenhang unterstrich er, dass die Arpilleras diesen Realitäten ein menschliches Gesicht verleihen und eine konkrete Form ethischer Mahnung, Solidarität und politischer Verantwortung darstellen.

Der Amazonas: ein lebendiges Territorium in Gefahr

Einer der zentralen Momente der Veranstaltung war der Beitrag von Edson Krenak, Autor und indigener Aktivist sowie Advocacy Coordinator bei Cultural Survival. Krenak betonte, dass der Amazonas nicht einfach ein Naturraum sei, sondern ein lebendiges Territorium und Heimat indigener Völker, die über Jahrhunderte Lebensweisen im Einklang mit dem Wald entwickelt haben.

Wie er erläuterte, hat die Klimakrise – verursacht durch Abholzung, gezielte Brandrodungen, Bergbau und die Ausweitung der Agrarindustrie – die Resilienz des amazonischen Ökosystems stark geschwächt. In vielen Regionen ist der Wald nicht mehr in der Lage, sich zu regenerieren. Diese fortschreitende Zerstörung zwingt zahlreiche indigene Gemeinschaften dazu, ihre Territorien zu verlassen, da Flüsse verschmutzt sind, traditionelle Nahrungsquellen verschwinden und Krankheiten infolge erzwungener Veränderungen der Lebensweise zunehmen. Heute lebt mehr als die Hälfte der indigenen Bevölkerung Brasiliens in urbanen Räumen – nicht aus freier Entscheidung, sondern als direkte Folge territorialer Enteignung.

Sticken als Form des Protests

Die Aktivistin und Forscherin Marcela Torres Heredia brachte eine politische und feministische Lesart der Arpilleras als Protestform ein. Sie erinnerte daran, dass diese Technik während der chilenischen Militärdiktatur entstanden ist, als Strategie zur Sichtbarmachung von Menschenrechtsverletzungen, und sich später in unterschiedlichen Kontexten Lateinamerikas verbreitete.

Torres Heredia betonte, dass es keine ausschließlich „weiblichen“ Protestformen gebe, wohl aber Protestpraktiken, die stark von Geschlechterrollen geprägt seien. Tätigkeiten wie Nähen und Sticken, die historisch dem häuslichen Bereich zugeordnet und entpolitisiert wurden, entfalten hier eine besondere politische Wirksamkeit. Gerade weil sie als harmlos wahrgenommen werden, haben diese Praktiken Räume für Widerstand, Sichtbarkeit und kollektive Erinnerung eröffnet.

Falsche Lösungen und umkämpfte Territorien

Die Ausstellung umfasst 15 Arpilleras, von denen 13 aus dem Amazonasgebiet stammen. Zwei weitere Arbeiten thematisieren die Auswirkungen der Klimakrise in anderen Regionen Brasiliens, etwa in São Paulo und Rio Grande do Sul. Die Werke prangern Wasserkraftwerke, wiederkehrende Überschwemmungen, Bergbau und Landraub an und hinterfragen zudem sogenannte „falsche Klimaschutzlösungen“, darunter den Kohlenstoffmarkt.

Mehrere Arbeiten warnen davor, dass diese Mechanismen als Umwelt- und Klimaschutzstrategien präsentiert werden, in der Praxis jedoch neue Formen der Enteignung hervorbringen und die Verantwortung für die Klimakrise auf jene Gemeinschaften abwälzen, die ihre Territorien seit Generationen bewahren.

Wissensaustausch und neue Generationen

Die Eröffnung umfasste auch die Präsentation von drei Textilarbeiten, die von fünf Studierenden der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) geschaffen wurden. Die Arbeiten entstanden im Rahmen von Workshops, die vom Movimento dos Atingidos por Barragens (MAB) organisiert wurden. Diese Werke spiegeln das Anliegen der Ausstellung wider, Wissen, Techniken und Erfahrungen des Widerstands weiterzugeben und den Dialog zwischen Gemeinschaften des Globalen Südens und jungen Menschen in Europa zu fördern.

Wanderausstellung

Alerta Amazonia ist als Wanderausstellung konzipiert und war über einen Zeitraum von sieben Monaten an verschiedenen Orten in Österreich zu sehen. Nach einem Auftakt an der Universität BOKU in Wien folgten Stationen in Salzburg und Innsbruck. Die Präsentation in der Votivkirche bildet den abschließenden Teil dieses Rundgangs, der darauf abzielt, die Stimmen von Gemeinschaften in Europa hörbar zu machen, die in Brasilien von Staudämmen, Megaprojekten und extremen Klimaereignissen betroffen sind.

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Alerta Amazônia - when fabric speaks

Ort: Votivkirche, Rooseveltplatz, 1090 Wien
Datum: vom 20. Februar bis zum 26. April 2026
Uhrzeiten: 
Dienstag bis Freitag: 10:00 - 16:00
Samstag: 11:00 - 18:00
Eintritt: kostenlos
Links:
www.alertaamazonia.com
www.horizont3000.org
https://mab.org.br

 Alerta Amazônia - when fabric speaks. Foto: Ivett Ángeles Litano.
Alerta Amazônia - when fabric speaks.
Foto: Ivett Ángeles Litano.
 Alerta Amazônia - when fabric speaks. Foto: Ivett Ángeles Litano.
Alerta Amazônia - when fabric speaks.
Foto: Ivett Ángeles Litano.
 Alerta Amazônia - when fabric speaks. Foto: Ivett Ángeles Litano.
Studierende der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) präsentieren die im Arpillera-Workshop entstandenen Projekte.
Foto: Ivett Ángeles Litano.
 Alerta Amazônia - when fabric speaks. Foto: Ivett Ángeles Litano.
Studierende der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) präsentieren die im Arpillera-Workshop entstandenen Projekte.
Foto: Ivett Ángeles Litano. 

Letzte Änderung am Mittwoch, 25 Februar 2026 23:32
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