Eine Performance/Installation, die durch den Tanz, ihre Visuals und die Teilnahme des Schlagzeugers Janiel Kovatsch auffiel. Dieser Vortrag sollte die Öffentlichkeit für wichtige Themen dieser Zeit sensibilisieren, wie den Erhalt der Umwelt, das Konsumverhalten, Kinderarbeit, die besorgniserregende Menge an Müll und die Nutzung nicht erneuerbarer natürlicher Ressourcen der Textilindustrie u.a.
Über Nina Sandino
Sie wurde an der Karibikküste Nicaraguas geboren, wuchs aber an der Pazifikküste des Landes auf, wo sie an der „National Engineering University“ als Architektur studierte. 2011 kam sie nach Wien und entschied sich hier, sich auf den Tanz zu konzentrieren, den sie bis dahin nur als Hobby betrieben hatte, nämlich mit dem „Tepenahuatl, Ballet Folklórico de Nicaragua“.
2014 entschloss sie sich zum Vorsingen und wurde für den Studiengang „Pädagogik im zeitgenössischen Tanz“ an der MUK „Musik und Kunst Universität“ (ehemals „Konservatorium Wien“) ausgewählt. Und seitdem arbeitet sie nur noch als Tänzerin, Pädagogin, Performerin und Choreografin.
Ihre Arbeit wird von der Dringlichkeit des künstlerischen Ausdrucks als politische Aktion angetrieben. Sie sieht ihre Performance als enge Allianz zwischen Kunst und Aktivismus. Es ist für sie als Migrantin in Europa eine Überlebensstrategie. Ihre Arbeit entsteht als Antwort auf ihr Gefühl der Verdrängung und dem Wunsch, sich zu verbinden und ein Zugehörigkeitsgefühl zu erreichen.
Was sind deine künstlerischen Einflüsse im Tanz?
Einer meiner großen Einflüsse war Amanda Piña, mit der ich von 2018 bis heuer zusammengearbeitet habe. Durch ihre Arbeit hatte ich die Möglichkeit, andere Formen der Körperbeherrschung kennenzulernen. Diese Art, meinen Körper zu kontrollieren, hat es mir ermöglicht, mich anderen Perspektiven zu nähern und mich auf die Bedeutung von Intimität und Vertrauen und ihre Relevanz bei der Suche nach neuen Formen des kollektiven Lebens zu konzentrieren.
Wie würdest du dein Projekt beschreiben?
In meinem Prozess versuche ich, den Körper nicht als Subjekt zu sehen, sondern als ein weiteres Objekt, das konsumiert und weggeworfen wird. Den Gegenständen Leben einhauchen, die dazu bestimmt sind, nach kurzer Zeit weggeworfen zu werden.
Es ist ein Protest mit unseren Körpern, es ist eine Verlangsamung, es ist die Schaffung neuer politischer Strategien, bei denen wir unsere Praktiken von der Aneignung, dem Gebrauch und dem Wegwerfen auf die Pflege und das Reparieren umstellen könnten.
Pflegen und Reparieren als politische Strategie, zitiert Orsola de Castro in ihrem Buch Loved Clothes Last: „...eine Bestätigung, dass die Pflege unserer Kleidung auch die Pflege unserer Umwelt [und unseres Körpers] umfasst, und ein Zeichen der Dankbarkeit für die Arbeit der Menschen, die die Dinge herstellen, die wir tragen...“
Was hat dich dazu inspiriert, dieses Projekt zu machen?
Dieses Projekt ist eine Ansammlung von allem, was ich bin. Das Geräusch der Nähmaschine weckt warme Kindheitserinnerungen. Meine Großmutter arbeitete als Näherin und meine Mutter kreierte ihre eigenen Kleider, als sie jung war. Außerdem saß sie mit mir zusammen und nähte Kleider für meine Puppen.
Als Architektin habe ich mich schon immer für die Restaurierung und Erhaltung von Gebäuden interessiert, also dafür, etwas Altes zu neuem Leben zu erwecken. Bei diesem Projekt habe ich erkannt, dass mein Bedürfnis, zu konservieren, zu reparieren und zu flicken, ein uraltes Wissen ist, das endlich seinen Weg durch meine Hände findet, eine Praxis der Pflege, die wie ein Webstuhl Faser für Faser zusammenfügt und verbindet.
Dieses Thema überschneidet sich auch mit anderen Problemen, die in meiner Jugend von großer Bedeutung waren: Empowerment von Frauen (80% der Beschäftigten in der Textilindustrie sind Frauen), Arbeitsrecht (mein Großvater väterlicherseits, Anwalt, Förderer und Verteidiger des Arbeitsrechts), Fürsorge für Umwelt, Kinderarbeit, Wirtschaft, Nachhaltigkeit, Kolonialismus und Machtsysteme, etc.
2019 habe ich mit meiner Kollegin Andrea Vezga angefangen, mit Kleidung zu experimentieren. Wir kauften 100 Kg gebrauchte Kleidung in „Carla“ von Caritas und entwickelten verschiedene Szenen. Von Geschlechterrollen, Machtdynamiken zur destruktiven Seite des übermäßigen Konsums.
Natürlich sind Belohnungen überlebenswichtig, wenn wir uns auf Grundbedürfnisse wie Ernährung und Unterkunft konzentrieren. Wir müssen konsumieren, doch es gibt eine längst vergessene Trennlinie zwischen Selbsterhaltung und Genusssucht. Wir versuchen derzeit, das Vergnügen zu maximieren. Unser Zweck ist nicht mehr ein existenzielles Bedürfnis, sondern ein Künstliches, etwas zu wollen oder zu wünschen, um den Sinn eines „erfüllten“ Lebens zu schaffen. Wie Zygmunt Bauman in seinem Buch Leben als Konsum sagt: „Der Konsum ist heute Teil unseres biologischen Überlebens, Konsum bedeutet eine Investition in die Zugehörigkeit zur Gesellschaft“.
Wie ist die Idee für die Performance/Installation entstanden?
Im Laufe der Jahre hat das Projekt verschiedene Formen angenommen und in diesem Sommer konnte ich es dank eines Künstleraufenthalts im Tanzhotel (Artist at Resort - Term 19) vertiefen, der mir den Raum gab, zu experimentieren und Wege zu finden, meinen Prozess mit anderen zu teilen.
Während meines Prozesses wurde mir klar, dass es sich um ein kollektives Thema handelt, das als solches geteilt und gemeinsam erlebt werden sollte. So entstand die Idee einer Installation als Einladung zum gemeinsamen Erforschen und Teilen, als Gelegenheit zum Entschleunigen und Fühlen, zum Erleben des Raums. Ich bin auf der Suche nach einem Raum der Intimität, in dem wir uns (wieder) miteinander verbinden können.
Ein Raum, in dem man sich fragen kann: Warum sollte mich das interessieren, wie können wir die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigen, ohne die Fähigkeit künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen?
Es ist wichtig zu wissen, dass wir mehr produzieren und schneller wegwerfen als zuvor. 150 Milliarden Kleidungsstücke werden pro Jahr produziert, von denen die meisten auf Mülldeponien in südlichen Ländern der Welt landen.
Welche Empfehlungen kannst du geben, um Textilabfälle zu reduzieren?
Ausbessern, reparieren und wiederverwenden so viel wie möglich! Kleidung mit Freunden tauschen, z.B.: von Kindern, die größer geworden sind.
Wenn Sie nicht mehr benötigte Kleidung an den Kleiderspendern spenden, folgen Sie den Anweisungen genau, damit keine Teile verloren gehen. Auf dieser Seite finden Sie weitere Informationen dazu: oepula.at
Sie können auch die Seite Fashion Revolution besuchen, auf der Sie viele weitere Informationen darüber finden, wie Sie sich von zu Hause aus, in Ihrer Nachbarschaft oder in Ihrer Stadt aktiv engagieren können. fashionrevolution.org
Es geht nicht darum, nicht zu kaufen, sondern unseren Konsum zu reduzieren, sich dessen bewusst zu sein und die Kleidung zu schätzen, die wir bereits in unseren Schränken haben.
Denken Sie an die drei R der Ökologie: reduzieren, wiederverwenden und recyceln (reducir, reutilizar y reciclar).
Deine Wertschätzung zur Situation mit der Textilindustrie
Die Textilindustrie ist eine Milliarden-Dollar-Industrie, die auf Geldgewinn, Umsatz und Konsum ausgerichtet ist. Teile werden mit minderwertigen Materialien hergestellt, so dass sie in kürze Zeit entsorgt und ersetzt werden. Der Prozess wird nicht geschätzt, sondern das Endprodukt.
Made-in-Etiketten sagen Ihnen, wo Ihre Kleidung zusammengebaut wurde, aber sie sagen Ihnen nicht, woher die Materialien stammen, aus denen sie hergestellt wurde. Aber alle Verbraucher haben das Recht zu wissen, wer unsere Kleidung unter welchen Bedingungen (Arbeit und Umwelt) herstellt, sowie die Zutaten, die auf den Etiketten der von uns gekauften Lebensmittel angegeben sind.
Webseite Nina Sandino: www.ninasandino.com
Video für die Fashion Revolution Week (April 2021): vimeo.com/542517390
Nächste Events:
• Del 28 al 30.10.2021 - 19:30
Vorstellung der künstlerischen Residenz im Tanzhotel
www.tanzhotel.at/de/artist-at-resort/aar-aktuell
• 22.11.2021 - 18:00
Workshop - Wir werden über unsere Lieblingskleidungsstücke sprechen, ihre Informationen (MADE IN) auf einen kollektiven Webstuhl sticken und die Lieferkette, ihre Funktionsweise und ihre gegenseitige Abhängigkeit von Orten, Menschen und Ressourcen hinterfragen.
Anmeldung per E-Mal: sandino.ross@gmail.com